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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Anatomische Untersuchungen zur Taschenfaltenmuskulatur

Vortrag

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  • corresponding author Rolf Schiel - Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinik Göttingen, Robert-Koch-Str. 40, 37075 Göttingen, T: 0551/392811, F: 0551/392812
  • author Arno Olthoff - Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinik Göttingen, Robert-Koch-Str. 40, 37075 Göttingen, T: 0551/392811, F: 0551/392812
  • author Eberhard Kruse - Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinik Göttingen, Robert-Koch-Str. 40, 37075 Göttingen, T: 0551/392811, F: 0551/392812

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV22

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp031.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Schiel et al.
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Zusammenfassung

Einleitung: Bei glottischer Insuffizienz ist die kompensatorische Taschenfaltenaktivität während der Stimmgebung zu beobachten. Die Taschenfaltenaktivität korreliert mit dem Grad der glottischen Insuffizienz und ist Komponente der laryngealen Doppelphonationsfunktion. Als morphologisches Substrat wurde als eigenständiger Taschenfaltenmuskel der M. ventricularis in der Literatur beschrieben. Eine einheitliche Beschreibung der Taschenfaltenmuskulatur liegt bisher nicht vor. Material und Methoden: An 10 männlichen Kehlköpfen wurden die Taschenfalten unter dem Operationsmikroskop präpariert und auf das Vorliegen einer Taschenfaltenmuskulatur hin untersucht. Ergebnis: Bei 8 von 10 Kehlköpfen fanden wir mikroskopisch-präparatorisch eine Taschenfaltenmuskulatur in unterschiedlicher Ausprägung. Diskussion: Die in der Literatur beschriebene Variabilität in Ausprägung und Verlauf der Taschenfaltenmuskulatur bestätigte sich makroskopisch auch an unseren Präparaten. Ihre Bedeutung für supraglottische Aktivitäten und die mögliche Innervation dieser Muskulatur ist Gegenstand weiterer histologischer Untersuchungen.


Text

Einleitung

Eine kompensatorische Taschenfaltenaktivität ist während der Stimmgebung verstärkt bei Insuffizienz der glottischen Phonationsebene zu beobachten [1], [2], [3]. Bei Stimmlippenlähmungen infolge von Läsionen des Nervus recurrens sind diese supraglottischen Aktivitäten ebenfalls zu beobachten. Die Taschenfalten können hierbei auch auf der Seite der Stimmlippenlähmung kräftige phonatorische Adduktionen aufweisen [3].

Wegen einer möglicherweise vom Nervus recurrens unabhängigen Taschenfaltenaktivität wurden in früheren Veröffentlichungen Innervationen über den Nervus glossopharyngeus [4] oder über den Nervus laryngeus superior [5] diskutiert.

Verschiedene Muskelsysteme sind für die genannte Taschenfaltenaktivität in Betracht gezogen worden [5], [4], [6]. In einer aktuellen histologisch-anatomischen Arbeit wurde erneut ein eigenständiges Muskelsystem in den Taschenfalten beschrieben, welches die Adduktion derselben bewirken soll [7]. Als möglicher Kandidat für die Innervation dieses supraglottischen Muskelsystems wurde in der genannten Arbeit erneut der obere Kehlkopfnerv diskutiert. Bei spezieller histologischer Darstellung dieses Nerven ergaben sich Hinweise auf mögliche motorische Anteile im Ramus internus des Nervus laryngeus superior [8]. In einer eigenen immunhistochemischen Arbeit konnten Acetylcholinesterase-positive Fasern als möglicher Hinweis auf motorische Anteile im Ramus internus des Nervus laryngeus superior nachgewiesen werden[9].

Eine Muskulatur der Taschenfalten wurde von mehreren Autoren bisher sehr uneinheitlich beschrieben [5], [4], [6]. Auch die Innervation einer solchen Muskulatur ist bislang ungeklärt. Das Ziel unserer Arbeit war, durch die anatomische Präparation und histologische Aufarbeitung der Taschenfalten Grundlagen für weitere gezielte Untersuchungen der muskulären Struktur sowie deren Innervation zu schaffen.

Methoden

An 10 männlichen Kehlköpfen wurden die Taschenfalten unter dem Operationsmikroskop (Fa. Zeiss) mit mikrochirurgischem Instrumentarium präpariert und anschließend histologisch auf das Vorliegen einer Taschenfaltenmuskulatur hin untersucht. Die dargestellten Nerven wurden zur Dokumentation mit Acryllack markiert. Alle Befunde wurden fotodokumentiert.

Ergebnisse

Bei 8 von 10 Kehlköpfen fanden wir mikroskopisch-präparatorisch den M. ventricularis in sehr unterschiedlicher Ausprägung. Er verläuft isoliert von den Fasern des M. thyroarytaenoideus lateralis im Gewebe der Taschenfalte, parallel zu deren freien Rand und median vom senkrechten Teil des Sinus morgagni [Abb. 1]. Das Fasersystem des M. thyroarytaenoideus lateralis verläuft dagegen in der Wand des Ventrikels lateral der Taschenfalte. Als einzige Nervenstruktur zog der mittlere Ast des Ramus internus des Nervus laryngeus superior in die Taschenfalten, wo er sich geflechtartig ausbreitete [Abb. 2].

Diskussion

Auch in unserer Arbeit stellt sich die Taschenmuskulatur inkonstant und mit deutlichen Variationen dar. Für eine abschließende Beurteilung ist die bisherige Anzahl an Präparationen jedoch noch zu gering. Möglicherweise korrelieren die anatomischen Ergebnisse jedoch mit den Variationen der klinischen Taschenfaltenaktivität bei verschiedenen Patienten mit vergleichbaren glottischen Insuffizienzen oder vergleichbaren Lähmungsbildern. Die Möglichkeit einer Innervation über den Ramus internus des Nervus laryngeus superior soll in weiteren Untersuchungen mit Hilfe immunhistochemischer Färbungen untersucht werden.


Literatur

1.
Kruse E, Fröhlich M, Michaelis D (2001) Phonatorische Taschenfaltenaktivität und glottische Insuffizienz. Akt Phon Päd Asp 9: 25-28
2.
von Doersten PG, Izdebski K, Ross JC, Cruz RM (1992) Ventricular dysphonia: A profile of 40 cases. Laryngoscope 102:1296-1301
3.
Pinho SMR, Pontes PAL, Gadelha MEC, Biasi N (1999) Vestibular vocal fold behavior during phonation in unilateral vocal fold paralysis. J Voice 13(1):36-42
4.
Réthi A (1952) Rolle des stylopharyngealen Muskelsystems im Krankheitsbild der Taschenbandstimme und der Dysphonia spastica. Folia Phoniat 4:201
5.
Kruse E (1981) Der Mechanismus der Taschenfaltenstimme. Eine kritische alternative Erwiderung auf die Vorstellungen Réthis. Folia Phoniat 33:294-313
6.
Kotby MN, Kirchner JA, Kahane JC, Basiouny SE, El-Samaa M (1991) Histo-anatomical structure of the human laryngeal ventricle. Acta Otolaryngol 111:396-402
7.
Reidenbach MM (1998) The muscular tissue of the vestibular folds of the larynx. Eur Arch Otorhinolaryngol 255:365-367
8.
Sanders I, Mu L (1998) Anatomy of the human internal superior laryngeal nerve. Anat Rec 252:646-656
9.
Olthoff A, Schiel R, Prescher A, Kruse E (2003) Anatomische und immunhistochemische Studie zum ramus internus des nervus laryngeus superior. HNO Informationen 2:165