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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Objektive Untersuchung zu physiologischen Stimmveränderungen stimmgesunder junger Frauen

Vortrag

  • Romy Bornemann - Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Phoniatrie und Pädaudiologie, Stoystr. 3, D-07740 Jena; Tel.: ++49-3641-935434; Fax: ++49-3641-935432
  • corresponding author Thomas Braunschweig - Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Phoniatrie und Pädaudiologie, Stoystr. 3, D-07740 Jena; Tel.: ++49-3641-935434; Fax: ++49-3641-935432
  • Frank Biedermann - Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Phoniatrie und Pädaudiologie, Stoystr. 3, D-07740 Jena; Tel.: ++49-3641-935434; Fax: ++49-3641-935432
  • Petra Schelhorn-Neise - Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Phoniatrie und Pädaudiologie, Stoystr. 3, D-07740 Jena; Tel.: ++49-3641-935434; Fax: ++49-3641-935432
  • Gottwalt Klinger - Friedrich-Schiller-Universität Jena, Universitätsfrauenklinik, Bachstr. 18, D-07743 Jena

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV16

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp025.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Bornemann et al.
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Zusammenfassung

Der Kehlkopf reagiert als sekundäres Geschlechtsorgan sehr sensibel auf Hormone. Die Stimme ist somit von der Balance der Geschlechtshormone im Organismus abhängig. Es zeigen sich Veränderungen bei zyklusabhängigen Schwankungen. Mit der Hochgeschwindikeitsglottographie steht eine objektive Untersuchungsmethode zur Verfügung. Die vorliegende Studie sucht nach der physiologischen Schwankungsbreite, um einen pathologischen Bereich abzugrenzen. Es werden 25 stimmgesunde Frauen im Alter von 18-25 Jahren über einen Zeitraum von 1 Monat einmal wöchentlich untersucht (HNO-Status, Stroboskopie, Hochgeschwindigkeitsglottographie, akustische Stimmanalyse, Hörprüfung, Blutabnahme, gynäkologische Anamnese). Raucherinnen und Probandinnen, die stimmbeeinflussende Medikamente einnehmen, werden ausgeschlossen. Die Probandinnen wurden in Gruppen mit und ohne Antikonzeptivum unterteilt. Bei entsprechender Auswertung der Hochgeschwindigkeitsglottographie kann man auf den Tonus der Stimmlippen schließen. Die vorliegenden Zwischenergebnisse zeigen eine Reihe von physiologischen Veränderungen, die als zyklusabhängige Schwankungen gedeutet werden können. Der Tonus steigt in der zweiten Zyklushälfte und sinkt gegen Zyklusende. Das trifft zu für Probandinnen ohne Kontrazeptivum und mit bestimmten Kontrazeptiva.


Text

Einleitung

Der Kehlkopf reagiert als sekundäres Geschlechtsorgan sehr sensibel auf Hormone. Somit ist die Stimme auch von hormonellen Schwankungen während des weiblichen Zyklus abhängig. Schon Abitbol et al. [1] zeigte 1998 in seiner Studie zyklische Veränderungen der Larynxmucosa und damit verbundene Stimmsymptome. Besonders im Prämenstruum können unter einer Estro-Progesteron-Imbalance Stimmstörungen auftreten, die durch eine Trockenheit der Stimmlippen, einen erniedrigten Tonus der Larynxmuskulatur, durch ein Stimmlippenödem sowie Mikrovarizen und durch eine erhöhte Azidität verursacht werden.

Wir stellen folgende Frage: Lassen sich physiologische Schwankungen mit Hilfe der Hochgeschwindigkeitsglottographie erkennen und systematisieren?

Methoden

Wir führten dazu an bisher 17 (von 25) Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren im Zeitraum von einem Monat wöchentlich eine Untersuchung durch. Die Probandinnen wurden in 2 Gruppen unterteilt, wobei die eine Gruppe ein Kontrazeptivum (bestehend aus einer Estrogenkomponente und Levonorgestrel, Desogestrel oder Etonogestrel) anwendet, während die andere Gruppe aus Frauen ohne Einnahme eines Kontrazeptivums besteht. Es werden ausschließlich stimmgesunde Frauen, die Nichtraucher sind und keine stimmbeeinflussenden Medikamente einnehmen, in die Studie aufgenommen.

Es erfolgte eine gynäkologische Anamnese zum Ausschluss von Zyklusstörungen und gynäkologischen Vorerkrankungen. Der aktuelle Hormonstatus wurde geprüft.

Weiterhin verwendeten wir die Hochgeschwindigkeitsglottographie (HGG). Dazu wurden die Probandinnen aufgefordert, auf dem Vokal /i/ zu phonieren. Bei etwa 8 verschiedenen Phonationsstärken wurde der Schalldruckpegel gemessen. Die jeweiligen Videosequenzen wurden aufgezeichnet.

Außerdem erstellten wir einen HNO-Status und eine Stroboskopie, einen auditiven Stimmstatus, eine akustische Stimmanalyse bestehend aus einem Stimmfeld und dem Göttinger Heiserkeitsfeld.

Ergebnisse

Aus den Bewegungskurven der Stimmlippen lässt sich ein Wert (Parameter a) bestimmen, der die Einschwingzeit der Stimmlippen beschreibt. Dieser Wert verhält sich linear zum Differenzdruck aus dem subglottischen Druck und dem subglottischen Phonationsschwelldruck [2]. Ein steigender Tonus der Stimmlippen erfordert einen wachsenden Phonationsschwelldruck, um die Stimmlippen zu öffnen. Auf der anderen Seite muss der subglottische Druck bei niedrigem Tonus der Stimmlippen stark erhöht werden, um die Stimmstärke zu steigern. Daher haben wir aus den Messreihen Werte für den Parameter a bestimmt, die sich ähnlich dem Phonationsschwelldruck verhalten (athr) und Werte dieses Parameters für eine mittlere Phonationsstärke a0.1: (bei Schalldruck ps = 0,1 Pa). Ein Anwachsen des Schwelldruckes spricht also eher für eine Zunahme des Tonus, ebenso wie für eine Abnahme der Differenz a0,1-athr. Umgekehrt zeigt ein Absinken von athr eine Tonusabnahme und dementsprechend größere Differenzen a0,1-athr. Diese Werte stellten wir dem weiblichen Zyklus zugeordnet dar.

Wir können feststellen, dass Änderungen mit einem Trend zu erkennen sind. Gemäß den Erwartungen aus der Literatur nach Abitbol et al. [1] zeigten 75% der Probandinnen mit oraler Kontrazeption gegen Zyklusende eine Spannungsabnahme, während bei 25% eine Tonuszunahme zu verzeichnen war. Ebenso verhalten sich die Ergebnisse der Gruppe ohne orale Antikonzeptiva. Bei 83% kam es zu einer Tonusabnahme und 17% stellten eine Tonuszunahme dar.

Eine Systematisierung werden wir nach Beendigung der Studie vornehmen.

Diskussion

Bei entsprechender Auswertung der HGG kann man auf den Stimmlippentonus schließen. Die vorliegenden Zwischenergebnisse zeigen eine Reihe von physiologischen Veränderungen, die als zyklusabhängige Schwankungen gedeutet werden können. Sowohl in der Gruppe mit oralen Kontrazeptiva als auch bei Frauen ohne Pilleneinnahme sehen wir zum großen Teil eine Tonusminderung im Prämenstruum. Um eine allgemeingültige Aussage treffen zu können, sollte die Untersuchung für eine Systematisierung an einem größeren Probandinnenkreis erfolgen.


Literatur

1.
Abitbol J, Abitbol P, Abitbol B. Sex hormones and the female voice. J. Voice. 1999;13:424-446
2.
Mergell, P.: Nonlinear Dynamics of Phonation-High-Speed Glottography and Biomechanical Modeling of Vocal Fold Oscillations. In: Eysholdt, U. (Hrsg) Kommunikationsstörungen. Berichte aus Phoniatrie und Pädaudiologie, Shaker Verlag Aachen 1998