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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Stimmtraining für Berufssprecher : eine Evaluation mittels Fragebogen

Poster

  • corresponding author Inés Reinprecht - Friesenstr. 10, 52062 Aachen, Tel.: 0241-409 66 57, Mobil: 0177-75 13 361
  • author Klaus Willmes- von Hinckeldey - Lehr- und Forschungsgebiet Neuropsychologie an der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Aachen, Pauwelsstr.30, 52057 Aachen, Tel.: 0241-80 88 477, Fax: 0241-80 82 598
  • author Christiane Neuschaefer-Rube - Direktorin der Klinik für Phoniatrie, Pädaudiologie und Kommunikationsstörungen des Universitätsklinikums Aachen, Pauwelsstr.30, 52057 Aachen, Tel.: 0241-80 88 954, Fax: 0241-80 82 513

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocP05

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp010.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Reinprecht et al.
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Zusammenfassung

Lehrer sind als eine große Gruppe von Berufssprechern häufig von Stimmstörungen betroffen. Aus diesem Grund wurde ein präventives Konzept entwickelt, das sowohl ein praktisches Stimmtraining als auch die Vermittlung theoretischer Inhalte umfasste und bei 16 Lehramtsanwärtern über 10 Wochen eingesetzt wurde. Nach Durchführung eines logopädischen Screenings zur Bestimmung der Stimmfunktion wurde die berufliche Situation der Probanden im Hinblick auf ihre Stimme erfasst und die Effizienz des durchgeführten Stimmpräventionstrainings mittels Fragebogen evaluiert. Hierbei fanden folgende Bereiche Berücksichtigung: - Stimmrelevante Gewohnheiten - Stimmbelastung - Subjektive Stimmbeschwerden - Selbstwahrnehmung - Stimmphysiologisches und -hyienisches Wissen. Bereits bei der Erfassung des Ausgangszustandes wurde deutlich, dass die Lehramtsanwärter ungeachtet ihrer noch unterdurchschnittlichen Unterrichtszeit und wenig erfassten stimmrelevanten Negativeinflüsse dennoch zahlreiche Stimmsymptome und eine eingeschränkte stimmliche Leistungsfähigkeit aufwiesen. Die wesentlichsten positiven Veränderungen durch das Stimmtraining ergaben sich im Bereich Wissen und Selbstwahrnehmung. Im Bereich der Stimmsymptome und verschiedener Sprechparameter kam es paradoxerweise zu einer marginalen Verschlechterung. Eine weitergehende Datenanalyse unter Berücksichtigung der Eingangsdiagnose wird in diesem Beitrag vorgestellt.


Text

Einleitung

Die Ergebnisse verschiedener Studien zur Prävalenz von Stimmstörungen weisen auf ein erhöhtes Risiko von funktionellen Stimmstörungen bei Lehrern hin [1]. Obwohl noch nicht durch methodisch zuverlässige Studien nachgewiesen werden konnte, dass Lehrer signifikant häufiger an Stimmstörungen leiden als andere Berufsgruppen oder die Gesamtbevölkerung, schwanken die Angaben zur Anzahl der Erkrankungen zwischen 50% und 80%. Diese Einschränkungen in der Funktionstüchtigkeit des Lehrers haben langfristig nicht nur ökonomische Bedeutung durch die Fehlzeiten des Lehrers als Arbeitnehmer und die Kosten der notwendigen medizinische Behandlung, sondern auch Folgen für die Art und Effektivität des Unterrichts und somit für die Qualität der Lehre.

Faktoren, die zu der Entstehung einer Berufsdysphonie beitragen können, sind neben dem inadäquaten Stimmgebrauch und den erhöhten stimmlichen Anforderungen die fehlende stimmliche Eignung und mangelndes Wissen über die Phonation sowie stimmrelevante schädliche Einflüsse.

Ziel eines präventiven Stimmtrainings muss es demnach sein, diese möglichen Auslöser und Ursachen einer Berufsdysphonie durch eine möglichst effiziente Methode auf ein Minimum zu reduzieren.

Probanden und Methode

Das Stimmpräventionstraining wurde mit 14 weiblichen und 2 männlichen Lehramtsanwärtern mit einem durchschnittlichen Alter von 26.6 Jahren durchgeführt. Als Ausschlusskriterien galten Hinweise auf eine organische Dysphonie sowie bereits erfolgte logopädische Therapie.

Auf der Grundlage des RBH-Schemas von Isshiki (1989) wurden die Teilnehmer zum späteren Datenvergleich in zwei Gruppen eingeteilt: Bei 10 Probanden wurden keine oder nur geringfügige phonatorische Auffälligkeiten festgestellt, während bei 6 Probanden bereits deutliche Klangauffälligkeiten bestanden, so dass die ausgewählte Stichprobe stark der in anderen Untersuchungen gefundenen Verteilung von stimmkranken und stimmgesunden Lehramtsstudenten und Lehrern ähnelte.

Das selbstentwickelte Stimmtraining vereinigte im Gegensatz zu bisherigen Präventionskonzepten [2] sowohl direkte und indirekte Methoden der Stimmerziehung und wurde über einen Zeitraum von zehn Wochen einmal wöchentlich à drei Stunden durchgeführt.

Zur Evaluation des Stimmpräventionstrainings wurden die Probanden vor und nach der Durchführung mit je einem Fragebogen mit 49 bzw. 81 Items zu den folgenden Bereichen befragt:

·Stimmbelastung

·Stimmrelevante Gewohnheiten

·Stimmhygienisches und -physiologisches Wissen

·subjektive Stimmbeschwerden

·Veränderungen in den genannten Bereichen

·Bewertung des durchgeführten Trainings.

Ziel der Untersuchung war es, zunächst deskriptive Daten zur Situation der Probanden als Berufssprecher zu erheben und die auftretenden Symptome zu spezifizieren. Bezogen auf das Seminar und seine Effizienz interessierte vor allem, ob ein kurzes Sprechstimmtraining die Stimmqualität und eine bestehende Symptomatik verbessern kann und ob es durch ein solches Seminar gelingt, schädliche Verhaltensweisen in Bezug auf die Stimmgebung abzubauen und gesunde Verhaltensweisen zu etablieren. Außerdem sollte der Frage nachgegangen werden, wie zufrieden die Teilnehmer nach der Seminardurchführung sind und ob sich ein Unterschied in den Ergebnissen zwischen der Gruppe der stimmauffälligen und stimmunauffälligen Probanden feststellen lässt.

Ergebnisse

Zur Frage des stimmlichen Ausgangszustands der Referendare vor Durchführung des Präventionstrainings wurde deutlich, dass die Lehramtsanwärter trotz einer für den Lehrberuf unterdurchschnittlichen Arbeitszeit und der wenigen stimmrelevanten Negativeinflüsse bereits stark unter der Stimmbelastung leiden und Einschränkungen der stimmlichen Leistungsfähigkeit verzeichnen. Die am häufigsten genannten Symptome waren Heiserkeit, Räusperzwang und verschiedene Missempfindungen im Hals. Probanden, die im logopädischen Screening eingangs als stimmlich auffällig eingestuft wurden, gaben erwartungsgemäß signifikant stärkere und häufigere Symptome an als ihre stimmlich unauffälligen Kollegen.

Außerdem zeigte die Auswertung der Fragen zu dem Wissen über die Phonation, Stimmhygiene und Warnzeichen der Stimme, dass eine Sensibilität für das Problem der beruflichen Sprechbelastung und die möglichen Risiken aus einer stimmlichen Fehlbelastung und praktische Kenntnisse einer ökonomischen Stimmgebung nur minimal vorhanden sind.

Im Hinblick auf die Evaluation des durchgeführten Stimmtrainings können folgende fünf Ergebnisse hervorgehoben werden:

Die eindeutigsten Veränderungen nach Durchführung des Trainings ergaben sich im Bereich „Wissen": Sowohl für das Wissen über die Stimmhygiene als auch für das über die Anatomie und die Physiologie der Stimmgebung konnten höchst signifikante Verbesserungen erzielt werden.

Im Bereich der Stimmsymptome und verschiedener Sprechparameter kommt es zu einer marginalen Zunahme an Beschwerden und zu Verschlechterungen der Sprechgewohnheiten.

Im Nachtest bestand eine deutliche Differenz zwischen dem signifikant erhöhten Wissensstand der Teilnehmer und ihrer Fähigkeit, dieses Wissen zur Optimierung der Phonation in den Alltag zu transferieren.

Probanden mit unauffälliger Stimmfunktion geben häufig mehr Verbesserungen an als ihre stimmauffälligen Kollegen.

Sowohl der inhaltliche Aufbau als auch die didaktische Durchführung des Stimmtrainings wurde von den Teilnehmern sehr positiv bewertet [3].

Diskussion

Die Untersuchung konnte die gesundheitliche Gefährdung, die für deutsche Lehramtsanwärter aus der mangelnden sprecherzieherischen Ausbildung und der ungeklärten konstitutionellen stimmlichen Eignung entsteht, herausarbeiten und zeigen, dass das entwickelte Stimmpräventionstraining erfolgreich war.

Hervorzuheben sind allerdings die Beobachtungen, dass es entgegen der Erwartung nach der Durchführung des Trainings zu marginalen Verschlechterungen der bestehenden Symptome kommt und es trotz einer signifikanten Wissenszunahme nicht gelingt, einen Transfer des Gelernten in den Alltag zu vollziehen. Beides weist darauf hin, dass es durch eine gezielte Intervention zunächst zu dem in der therapeutischen Arbeit bekannten Effekt kommt, dass der Klient durch die Zunahme an Wissen und die Stärkung der Fähigkeit zur Selbstbeobachtung in die Lage versetzt wird, seine Situation kritischer und differenzierter zu beurteilen. Infolgedessen werden Symptome verstärkt wahrgenommen. Bis die geförderte Wahrnehmung und das gesteigerte Wissen zu einer Umsetzung des Gelernten in den Alltag führen, wird mehr Zeit benötigt als die in diesem Training berücksichtigten zehn Wochen.

Probanden mit guter Stimme allerdings scheinen aufgrund der Ergebnisse durch ein kurz angelegtes Präventionsseminar leichter beeinflussbar zu sein und schneller Erfolge zu erzielen. Für die Prävention impliziert dies, dass stimmliche Eignungsuntersuchungen nicht nur zur Früherkennung bereits bestehender Dysphonien oder konstitutionell kleiner Stimmen sinnvoll sind, sondern Kosten durch unterschiedliche Prophylaxekonzepte in Abhängigkeit von der Stimmqualität und Symptomatik gespart werden könnten.

Die vorliegende Evaluation stellt im Sinne der Qualitätssicherung und der Integration der stimmlichen Schulung in die Lehrerausbildung einen guten Ausgangspunkt dar, um ein möglichst effizientes Trainingskonzept zu entwickeln. Methodisch wären weitere Studien an größeren Stichproben wünschenswert, die objektive mit subjektiven Messverfahren kombinieren und sowohl mit Kontrollgruppen als auch mit Methodenvergleichen arbeiten.


Literatur

1.
Mattiske, J.A., Oates, J.M. & Greenwood, K.M. (1998). Vocal problems among teachers: A review of prevalence, causes, prevention and treatment. Journal of voice, 12 (4), S. 489-499
2.
Roy, N., Gray, S., Simon, M., Dove, H., Corbin-Lewis, K. & Stemple, J.C. (2001). An evaluation of the effects of two treatment approaches for teachers with voice disorders: A prospective randomised clinical trial. Journal of Speech, Language and Hearing Research, 44, S. 286-296
3.
Reinprecht, Inés (2002). Stimmtraining für Berufssprecher - Eine Evaluation mittels Fragebogen. Unveröffentlichte Diplomarbeit, RWTH Aachen