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51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie

Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie

07.10.- 09.10.2010, Nürnberg

Historische Entwicklung der funktionellen Ersatzoperationen im 19. und 20. Jahrhundert

Meeting Abstract

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  • corresponding author presenting/speaker Andreas Gohritz - Medizinische Hochschule Hannover, Plastische, Hand und Wiederherstellungschirurgie, Hannover, Deutschland
  • Jan Fridén
  • Peter M. Vogt

Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie. 51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie. Nürnberg, 07.-09.10.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dgh21

DOI: 10.3205/10dgh21, URN: urn:nbn:de:0183-10dgh216

Veröffentlicht: 16. September 2010

© 2010 Gohritz et al.
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Gliederung

Text

Fragestellung: Viele der heute noch gebräuchlichen funktionellen Ersatzoperationen gehen auf Konzepte zurück, die Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts zur Behandlung von Poliomyelitis und Versorgung Schussverletzten des 1. Weltkrieges entwickelt wurden.

Methodik: Dieser Vortrag soll anhand einer Literaturrecherche einen Einblick in die faszinierende Geschichte der Anfänge der nervalen und muskulären Ersatzoperationen geben.

Ergebnisse: Hauptindikation für die ersten Sehnenverpflanzungen waren Lähmungen bei Poliomyelitis, sie wurden 1880 erstmals von Nicoladoni an der unteren Extremität angewendet und von Drobnik 1894 auf die obere Extremität übertragen. Der Braunschweiger Chirurg Felix Franke führte erstmals 1897 eine motorische Ersatzoperation bei Radialis-Parese ein. Die meisten Standardtechniken zur Funktionswiederherstellung nach Stammnervenverletzungen entstanden um die Wende des 19. bis 20. Jahrhunderts, weltweit führend waren hierbei deutsche Chirurgen und Orthopäden. Gründe waren die in Deutschland 1884 durch Bismarck eingeführte Unfallversicherung und die seit 1906 organisierte Rehabilitation von Körperbehinderten ('Krüppelfürsorge') in speziellen Heimen und Kliniken, andererseits die riesige Anzahl Schussverletzungen des Ersten Weltkrieges (1914–18). Beispiele sind Trapeziustransfer (Lewis 1910, F. Lange 1911, Mayer 1927), Trizeps-Bizeps-Transfer (Tubby 1901, Biesalski 1916), Proximalisierung der Unterarmmuskeln (Steindler 1918/1919, M. Lange 1949), Latissimus-Transposition (Lexer 1920), Pectoralis-major-Transfer (Tillmanns 1901, Schulze-Berge 1917, Hohmann 1918), 'Viersehnenplastik' (Perthes 1918) und 'Einsehnenplastik' (Sudeck 1919) zum Radialis-Ersatz. Wichtige Standardwerke aus dieser Zeit stammen von Vulpius und Stoffel (1902, 1920) sowie Biesalski und Mayer (1916). Parallel zur Entwicklung der Sehnenverpflanzung hatte sich insbesondere der Chirurg Spitzy (1904, 1911) für die Nerventransposition eingesetzt, die 1873 von Létiévant inauguriert wurde. Der Breslauer Neurologe und autodidaktische Nervenchirurg Otfrid Foerster fasste 1929 seine Erfahrungen anhand von über 4787 behandelten und 745 selbst operierten Schussverletzten zwischen 1914 und 1920 zusammen und legte wichtige Grundlagen zur Rekonstruktion, Transplantation und Transposition peripherer Nerven.

Schlussfolgerung: Die historische Betrachtung der Anfänge der motorischen und nervalen Ersatzoperationen zeigt uns vor dem Hintergrund einer äußerst ereignisreichen Zeit beispielhaft Erfindergeist, Ausdauer und Genauigkeit unserer Vorgänger, die uns Inspiration und Vorbild bei der täglichen Arbeit und beim Blick in die Zukunft der funktionellen Wiederherstellungschirurgie dienen können.