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1. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen e. V. (DGESS)

Deutsche Gesellschaft für Essstörungen e. V.

8. ? 10.11.2007, Prien am Chiemsee

Adipositas und Psyche – Psychodynamik und Beziehungsgestaltung

Meeting Abstract

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  • corresponding author H. P. Flury - Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie Schützen, Rheinfelden

Deutsche Gesellschaft für Essstörungen. 1. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen e.V. (DGESS). Prien am Chiemsee, 08.-10.11.2007. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2007. Doc07dgess43

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgess2007/07dgess43.shtml

Veröffentlicht: 24. Oktober 2007

© 2007 Flury.
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Gliederung

Text

Eine Vielzahl von Studien weist nach, dass in Psychotherapien der therapeutischen Beziehung als Wirkfaktor eine entscheidende Bedeutung zukommt. Unsere Pilotstudie untersucht und vergleicht die Qualität und Dynamik der therapeutischen Beziehung bei über-, normal- und untergewichtigen Patienten. Es lassen sich klare Unterschiede aufzeigen, die wichtige Implikationen für die therapeutische Praxis ergeben.

In semistrukturierten Interviews wurden Therapeuten von über-, normal- und untergewichtigen Patienten befragt zu ihren Bildern, Phantasien und Gefühlen im Zusammenhang mit diesen Patienten. Daraus wurde untersucht, welche Emotionen im Therapeuten induziert wurden. Die Ergebnisse wurden von 2 unabhängigen Untersuchern geratet und statistisch ausgewertet.

Die Beziehung zu den übergewichtigen Patientinnen wurde als schwierig beschrieben, und zwar je mehr sich der Therapeut und die Patientin für den Verlauf der Therapie verantwortlich fühlten. Der Therapeut fühlte sich in seiner Arbeit behindert und empfand den Patienten als blockierend und wenig kooperativ. Festgelegte Behandlungsziele drohten immer wieder zu entschwinden. Der Therapeut fühlte sich in seiner Arbeit alleine gelassen und tendierte dazu, dem Patienten die volle Verantwortung für den Therapieverlauf zuzuschieben. Therapeuten empfanden Gefühle der Bedrohung, die von übergewichtigen Patientinnen ausgingen, hingegen hatten sie wenig Angst um die Patientin im längerfristigen Verlauf. Im Erleben des Therapeuten war die Beziehung über den ganzen Behandlungsverlauf geprägt durch grosse Distanz und eine fordernd-konfrontierende Haltung des Therapeuten, jedoch nur wenig emotionale Nähe, Fürsorglichkeit und das Bedürfnis zu unterstützen.

Der Therapeut erlebte sich über den gesamten Verlauf eher als über- denn als unterfordernd. – Diese Befunde stehen in deutlichem Kontrast zu den Ergebnissen bei normal- und untergewichtigen Patienten. Bei übergewichtigen Patienten war die Beziehung von übergroßer Nähe und Fürsorglichkeit sowie einer Tendenz, Konfrontationen zu vermeiden, geprägt.

Therapeuten erleben in der Behandlung übergewichtiger Patienten spezifische Schwierigkeiten, im Sinne eines Beziehungsangebots zu einer distanzierten, konfrontativen, wenig fürsorglichen Haltung. Dessen Kenntnis sensibilisiert Therapeuten dafür, in der therapeutischen Beziehung nicht zwingend entsprechend diesem Beziehungsangebot zu handeln, sondern dieses zu reflektieren und die Beziehung zu gestalten in einer Art, die der Situation, dem Auftrag, einer konstruktiven Therapie-Entwicklung des Patienten und dem Therapeuten selber mehr entspricht.