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28. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung (DAV 2010)

13.01. bis 16.01.2010, Schladming, Österreich

Sir Archibald McIndoe (*1900, †1960): Pionier der Behandlung schwerer Gesichts- und Handverbrennungen im II. Weltkrieg und sein Guinea Pig Club

Meeting Abstract

  • corresponding author Andreas Steiert - Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Plastische-, Hand und Wiederherstellungschirurgie, Hannover, Deutschland
  • Andreas Gohritz - Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Plastische-, Hand und Wiederherstellungschirurgie, Hannover, Deutschland
  • Matthias Aust - Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Plastische-, Hand und Wiederherstellungschirurgie, Hannover, Deutschland
  • Hans-Oliver Rennekampff - Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Plastische-, Hand und Wiederherstellungschirurgie, Hannover, Deutschland
  • Peter M. Vogt - Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Plastische-, Hand und Wiederherstellungschirurgie, Hannover, Deutschland

DAV 2010. 28. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung. Schladming, Österreich, 13.-16.01.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dav02

DOI: 10.3205/10dav02, URN: urn:nbn:de:0183-10dav029

Veröffentlicht: 30. Juni 2010

© 2010 Steiert et al.
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Gliederung

Text

Einleitung: Im II. Weltkrieg traten bei alliierten Kampfpiloten typische Verbrennungen von Gesicht und Händen auf, die in ihrem Ausmaß bis dahin unbekannt waren. Die Behandlung und Reintegration dieser Patienten erforderte völlig neue Konzepte, die von dem englischen Chirurgen Sir Archibald McIndoe entwickelt wurden.

Ziel: In diesem Vortrag soll an das Leben und Werk McIndoes erinnert werden, im Mittelpunkt steht seine Behandlung von brandverletzten Air Force-Piloten ab 1939 und die erste, von ihm gegründete und bis heute existierende Selbsthilfegruppe „Guinea Pig Club“. Seine bis heute gültigen Prinzipien in der Verbrennungsbehandlung sollen an Langzeitergebnissen veranschaulicht werden.

Ergebnisse: Archibald McIndoe, geboren 1900 in Neuseeland und Cousin von Sir Harold Gillies, erhielt 1939 den Auftrag im Queen Victoria Hospital in East Grinsteadt die im Luftkampf um England verunglückten Piloten mit schweren Brandverletzungen zu behandeln. Insgesamt wurden ihm 600 Patienten mit „Air man's burn“ zugewiesen. Ursache dieses Verletzungsmusters war die extreme Hitzeaussetzung ungeschützter Hautareale des Gesichts und der Hände beim sogenannten „blow torch“ (Lötlampen)-Effekt des verbrennenden Flugzeug-Treibstoff bei hoher Geschwindigkeit oder Kontaktverbrennungen durch heisse Metallteile. In ungefähr 200 Fällen lagen schwerste oder vollständige Gesichtsverbrennungen (total facial burn) vor. Innerhalb von durchschnittlich 3 Jahren wurde jeder Patient zwischen 10- und 50-mal operiert. McIndoes Ziel war es, „innerhalb einer vernünftigen Zeit Ordnung im Chaos und ein neues Gesicht zu erschaffen, das weder Mitleid noch Grauen erregt und für die verlorene Seele ein normales Leben möglich zu machen“. Für jeden seiner Patienten wurde ein exakter Behandlungsplan erstellt, die auch eine soziale und berufliche Reintegration zwischen den Phasen der Hospitalisation berücksichtigte. Bei der Rekonstruktion des Gesichts nach seinen ästhetischen Einheiten sah er die Wiederherstellun g der Augenlider zur Verhinderung von Ektropien als den wichtigsten Schritt an, die in der Regel zuerst unternommen werden sollte.

In der Akutbehandlung führte er regelmäßige Bäder und Verbandswechsel mit Kochsalzlösung ein und erreichte, dass traditionelle Gerbmethoden mit Tannin oder Gentian-Violett abgeschafft wurde, die häufig zu funktionslosen Händen und schweren Infektionen unter dem dicken Brandschorf geführt hatten. Jeder mit diesen neuen teils experimentellen Methoden behandelte Pilot wurde Mitglied des exklusiven „Guinea Pig Club“, bis Kriegsende waren es 649.

McIndoes Engagement ging weit über seine chirurgische Aufgabe hinaus, er wollte die Akzeptanz seiner Patienten in der Öffentlichkeit erreichen und organisierte für seine Schützlinge Patenschaften von Familien aus der Umgebung und neue Arbeitsplätze. Teilweise lieh er ihnen sogar persönlich Geld, z.B. für Hochzeiten, um die Reintegration zu unterstützen. Der „Guinea Pig Club“ besteht immer noch als Hilfsorganisation für Brandverletzte und seine verbliebenen Mitglieder, 2003 noch über 200, treffen sich bis heute regelmäßig.

Schlussfolgerung: Die besondere Bedeutung von McIndoe für die chirurgische Behandlung von schweren Gesichts- und Handverbrennungen im Zweiten Weltkriegs besteht nicht nur in der Erprobung und Etablierung fortschrittlicher Methoden der Akutbehandlung und funktionellen Rekonstruktion, sondern vor allem in der Betonung der Wichtigkeit einer gesellschaftlichen Wiedereingliederung von Brandverletzten.