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14. Workshop der gmds-Arbeitsgruppe "Computerunterstützte Lehr- und Lernsysteme in der Medizin (CBT)" und des GMA-Ausschusses "Neue Medien"

Institut für Didaktik & Bildungsforschung im Gesundheitswesen (IDBG),
Private Universität Witten/Herdecke

16.04. - 17.04.2010, Witten

Gruppenarbeit mit Wikis – Hausaufgabenbearbeitung im Propädeutikum des Medizinstudiums

Meeting Abstract

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Gesellschaft für Medizinische Ausbildung. 14. Workshop der gmds-Arbeitsgruppe "Computerunterstützte Lehr- und Lernsysteme in der Medizin (CBT)" und des GMA-Ausschusses "Neue Medien". Witten, 16.-17.04.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10cbt02

DOI: 10.3205/10cbt02, URN: urn:nbn:de:0183-10cbt024

Veröffentlicht: 13. April 2010

© 2010 Behrends et al.
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Gliederung

Text

Einleitung: In Hannover beginnt das Medizinstudium mit einem mehrwöchigen interdisziplinären Propädeutikum, in dem die Studierenden wöchentlich unterschiedliche Krankheitsbilder kennen lernen. Durch erste Patientenkontakte, Vorlesungen und Übungen sollen die Studierenden in das gesamte Spektrum der Medizin eingeführt werden. Dazu gehört auch die Reflektion über die Rolle des Arztes in der Gesellschaft. Anhand verschiedener Fallbeschreibungen sollten die Studierenden im Wintersemester 2009/2010 darum im Rahmen einer Hausaufgabe die ärztliche Rolle in unterschiedlichen historischen und soziokulturellen Zusammenhängen analysieren. Die Bearbeitung der Hausaufgabe konnte in Einzel- oder Gruppenarbeit erfolgen. Um die Abgabe der Hausaufgaben für die insgesamt 317 Studierenden zu organisieren, wurden 23 Gruppen im Lernmanagementsystem der Medizinischen Hochschule Hannover ILIAS erstellt. Innerhalb dieser Gruppen wurde jeweils ein Wiki mit den Fallbeispielen für die Bearbeitung durch die Studierenden angelegt wurde (Interessante Hinweise zur Nutzung von Wikis in verschiedenen Lernsituationen finden sich unter: http://wissenswert.iwi.unisg.ch/?p=726, aufgerufen am 4.12.2009). Die Studierenden konnten einer der Gruppen beitreten und dann gemeinsam an den Fallbeschreibungen arbeiten. Studierende, die Einzelarbeiten abgeben wollten, konnten diese in ILIAS hochladen. Aus mediendidaktischer Sicht stellte sich die Frage, ob die Arbeit mit den Wikis in ILIAS für Erstsemester die Möglichkeit bot, webbasierte, kooperative Lernformen zu entwickeln.

Material und Methoden: Während der Vorlesung, in der die Hausaufgabe bekannt gegeben wurde, erhielten die Studierenden eine kurze Einführung in die Bearbeitung eines Wikis in ILIAS. Eine Einführung in ILIAS hatten die Studierenden bereits in der ersten Woche des Studiums erhalten. Für die Bearbeitung der Hausaufgaben hatten die Studierenden dann sechs Tage Zeit. Für Rückfragen stand ihnen ein Forum in ILIAS zur Verfügung und sie hatten die Möglichkeit, die betreuenden Dozenten per Mail zu kontaktieren. In einer abschließenden Evaluation wurden die Studierenden bezüglich ihrer Erfahrungen bei der Hausaufgabenbearbeitung mit den Wikis befragt. Dabei standen Aspekte hinsichtlich der Gruppenbildung, der Organisation der Gruppenarbeit und der inhaltlichen Zusammenarbeit im Vordergrund. Die Befragung wurde online mit dem Umfragetool von ILIAS durchgeführt.

Ergebnisse: Von den 317 Studierenden, die per Mail angeschrieben wurden, haben 155 an der Befragung teilgenommen. 133 gaben an, ein Wiki zur Bearbeitung der Hausaufgabe genutzt zu haben. Da insgesamt 272 Studierende die Hausaufgabe mit einem Wiki bearbeiteten, entspricht somit die Verteilung zwischen Wiki-Nutzern und Nicht-Wiki-Nutzern bei der Befragung mit 86% zu 14% exakt der tatsächlichen Verteilung der Nutzung bei der Hausaufgabenbearbeitung.

Die Gruppengröße für die Bearbeitung der Hausaufgabe war auf max. 15 Teilnehmer beschränkt, einige Studierende bildeten aber auch kleinere geschlossene Gruppen, in denen sie mit Kommilitonen, die sie bereits kannten, zusammenarbeiteten. Nach den Evaluationsergebnissen erfolgte die Gruppenfindung insgesamt überwiegend durch persönliche Kontakte. Von den 133 Studierenden, die an der Befragung teilnahmen und Wikis bearbeitet hatten, gaben 92 an, sich gemeinsam mit Kommilitonen in eine Gruppe eingetragen zu haben. Auch die Gruppendiskussionen zum Thema der Hausarbeit fanden größtenteils bei persönlichen Treffen statt (insgesamt 78 Nennungen). Allerdings nutzten auch 62 Personen die Diskussions- und Kommentarfunktion in ILIAS. Nur 9 der Befragten stimmten aber der Aussage zu, durch die Gruppenarbeit neue Kommilitonen kennen gelernt zu haben, 90 stimmten der Aussage dagegen nicht oder eher nicht zu. Positiv wurde von den Studierenden aber bewertet, dass die Hausarbeit durch die Wikis flexibel gestaltet werden konnte, dass die Zusammenarbeit unproblematisch war und dass die Arbeit an den Wikis Spaß gemacht hat. Nur in den Freitextangaben bemängelten einige Studierende, dass sie die Zusammenarbeit an den Wikis aufgrund fehlender Kooperation der anderen Studierenden als schwierig empfanden, was sie teilweise auf das Fehlen von klaren Regeln für die gemeinschaftliche Erarbeitung der Texte zurückführen.

Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass auch in Zeiten des Social Webs die persönlichen Kontakte für die Studierenden wichtig sind. Die Gruppenfindung und die Organisation der Zusammenarbeit fanden vorrangig außerhalb der Lernplattform ILIAS und der Wikis statt. Dass der Einsatz von Wikis eine ergänzende Arbeitsform ist und gemeinsame Treffen nicht ersetzt, konnten auch Richter und Ruhl bei der Befragung von Studierenden zur Nutzung von Wikis im sozial- und kulturwissenschaftlichen Studium feststellen [1]. Dennoch wurden von den Studierenden in Hannover aber auch die Kommunikationsformen von ILIAS während und auch nach der Hausaufgabe intensiv genutzt. Etwa 30 Mails wurden zwischen den Gruppen innerhalb von ILIAS versendet und 427 Lesezugriffe wurden für das Forum vermerkt. Die intensive Arbeit an den Wikis während der Hausaufgaben weckte außerdem das Interesse der Studierenden, die eigenen Lernaktivitäten mit dem Lernmanagementsystem ILIAS zu gestalten. In einem eigens für sie eingerichteten Lernbereich erstellten die Studierenden in der Folgezeit eigene Umfragen, organisierten Lerngruppen und luden Dateien hoch.

Auch wenn der Einsatz von Wikis in sehr großen Kohorten mit größerem Betreuungsaufwand verbunden ist und es so scheint, dass viele Prozesse einer Gruppenarbeit letztlich auch ohne eine Online-Plattform möglich sind, so ist es dennoch sinnvoll, die Studierenden durch entsprechende Arbeitsaufträge mit den webbasierten Lernmöglichkeiten vertraut zu machen. Denn dass die Kenntnis von Web 2.0 Anwendungen gleichsam nicht bedeutet, dass Studierende diese auch aktiv und nicht nur passiv konsumierend nutzen, darauf verweisen etwa die Untersuchungen von Ebner und Schiefner. Aufgrund der Befragung von Studierenden an der TU Graz kommen sie zu dem Schluss, dass es nicht ausreicht, den Studierenden „diese oder jene Web 2.0-Applikation zu empfehlen und darauf zu hoffen, dass diese die Applikation nun partizipativ und hoch elaboriert nutzen“ [2]. Die aktive Nutzung der ILIAS-Plattform im eigenen Lernbereich nach Abschluss der Hausaufgabe lässt aber vermuten, dass die Studierenden sehr schnell weitere Lernmöglichkeiten mit dem System adaptieren, wenn durch eine betreute Arbeit die ersten Berührungsängste überwunden werden.


Literatur

1.
Richter U, Ruhl A. Wikis im sozial- und kulturwissenschaftlichen Studium. Szenarien, Nutzungsweisen und Einschätzungen. In: Stegbauer C, Schmidt J, Schönberger K (Hrsg). Wikis: Diskurse, Theorien und Anwendungen; Sonderausgabe von kommunikation@gesellschaft. 2007;8. Available from: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/F3_2007_Richter_Ruhl.pdf (aufgerufen am 4.12.2009) Externer Link
2.
Ebner M, Schiefner M. Digital native students? – Web 2.0-Nutzung von Studierenden. 2009. Available from: http://www.e-teaching.org/praxis/erfahrungsberichte/StudierendeWeb2.pdf (aufgerufen am 05.01.2010) Externer Link