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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017

Der Unterricht für Medizinstudierende in Rehabilitation, Physikalischer Medizin und Naturheilverfahren – eine deutschlandweite Bestandsaufnahme 10 Jahre nach Reform der ärztlichen Approbationsordnung

Artikel Curriculumreform

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  • corresponding author Beate Stock-Schröer - Karl und Veronica Carstens-Stiftung, Essen, Deutschland
  • author Roman Huber - Universitätsklinikum Freiburg, Uni-Zentrum Naturheilkunde, Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene, Freiburg, Deutschland
  • author Stefanie Joos - Universität Tübingen, Medizinische Fakultät, Tübingen, Deutschland; Universitätsklinikum Tübingen, Institut für Allgemeinmedizin und interprofessionelle Versorgung, Tübingen, Deutschland
  • author Petra Klose - Universität Duisburg-Essen, Medizinische Fakultät, Essen, Deutschland; Kliniken Essen-Mitte, Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, Kliniken, Essen, Deutschland

GMS J Med Educ 2017;34(1):Doc3

doi: 10.3205/zma001080, urn:nbn:de:0183-zma0010806

Dieses ist die übersetzte Version des Artikels.
Die Originalversion finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2017-34/zma001080.shtml

Eingereicht: 29. April 2016
Überarbeitet: 12. Dezember 2016
Angenommen: 15. Dezember 2016
Veröffentlicht: 15. Februar 2017

© 2017 Stock-Schröer et al.
Dieser Artikel ist ein Open-Access-Artikel und steht unter den Lizenzbedingungen der Creative Commons Attribution 4.0 License (Namensnennung). Lizenz-Angaben siehe http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.


Zusammenfassung

Zielsetzung: Seit der Änderung der Approbationsordnung für Ärzte im Jahr 2003 sind Rehabilitation, Physikalische Medizin und Naturheilverfahren verpflichtende Fächer für Medizinstudierende in Deutschland, die in einen Querschnittsbereich zusammengefasst sind (QB12). Ziel der Studie war es, die Organisation des QB12 und die Erfahrungen der Verantwortlichen aller drei Themenbereiche an den Fakultäten zu evaluieren.

Methodik: Es wurde ein Fragebogen erstellt und per Post an alle 37 medizinischen Fakultäten in Deutschland gesendet. Er sollte von allen Verantwortlichen für den QB12 ausgefüllt werden. Der erste Teil des Fragebogens enthielt Fragen zu Zuständigkeiten, Umfang und Format der Lehre, Organisation, Curriculum, Themenschwerpunkte und Zufriedenheit mit der Lehre. Im zweiten Teil der Umfrage wurde nach den Einschätzungen und Aussichten, der Ausstattung und dem Bedarf an Lehrmitteln und –personal gefragt. Am Schluss sollten die Verantwortlichen Informationen über ihre berufliche Situation, die Lehrerfahrung und Zusatzqualifikationen geben.

Ergebnisse: Die Rücklaufquote der Fragebogen betrug für Rehabilitation 51,5%, für Physikalische Medizin 48,5% und für Naturheilverfahren 60,6%. Sehr unterschiedliche universitäre Einrichtungen waren für die Lehre im QB12 verantwortlich. Das Vorhandensein von Curricula wurde für Rehabilitation in 38%, für Physikalische Medizin in 28% und Naturheilverfahren in 34 % angegeben. Die Art des Unterrichts reichte von Vorlesung bis Exkursion, problemorientiertes Lernen wurde nicht angeboten. Die Kosten für die Lehre wurden in 45% voll von den Universitäten übernommen. Die Lehrenden zeigten sich mehrheitlich zufrieden mit der Lehrsituation. Der Hauptbedarf wurde für mehr Unterstützung in der Organisation angegeben.

Schlussfolgerung: Die Heterogenität in der Lehre und der beteiligten Institutionen lässt vermuten, dass sich das Wissen der Medizinstudierenden in Rehabilitation, Physikalischer Medizin und Naturheilverfahren an den Universitäten in Deutschland erheblich unterscheidet. Die Koordination der Lehre sollte verbessert und Curricula vereinheitlicht werden.

Schlüsselwörter: Querschnittsbereich 12, Rehabilitationsmedizin, Physikalische Medizin, Naturheilverfahren, Evaluation, Befragung, Lehrende


1. Einleitung

Seit der Änderung der Ärztlichen Approbationsordnung (AO) im Jahr 2003 stehen in der Humanmedizin im Rahmen des Querschnittsbereiches QB12 drei Themenbereiche gemeinsam auf dem Lehrplan: Rehabilitation (Reha), Physikalische Medizin (Phys. Med.) und Naturheilverfahren (NHV). Der Querschnittsbereich QB12 ist das einzige curricular verankerte Lehrangebot in diesen Themenbereichen. Darüber hinaus können seither an den Universitäten Wahlfächer aus diesen Gebieten angeboten werden, wobei z.B. Naturheilverfahren, Homöopathie und Akupunktur explizit genannt werden [1].

In den Jahren 2006 und 2009 erfolgten über das Forum universitärer Arbeitsgruppen für Naturheilkunde und Komplementärmedizin, einem Zusammenschluss von Wissenschaftler/innen, die an deutschsprachigen Universitäten auf dem Gebiet NHV und Komplementärmedizin arbeiten, Befragungen an allen medizinischen Fakultäten zum Stand in der Lehre der Naturheilverfahren im Rahmen des QB12. Im Jahr 2009 fand hierzu auch ein bundesweiter Seminarkongress in Bonn statt [www.uniforum-naturheilkunde.de/seminarkongress/].

Im Jahr 2004 wurden Lernziele für alle drei Themenbereiche im QB12 als eine gemeinsame Empfehlung der Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften und der Deutschen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation formuliert [2]. Fünf Jahre später entstand ein Positionspapier basierend auf einer Fakultätenbefragung mit zehn Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Lehre zur Rehabilitation [3]. Hier fordern die Autoren u.a. Lehrkoordinatoren an allen Fakultäten und die Erstellung differenzierter Curricula. Die im Jahr 2010 durchgeführte Befragung der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften (DGRW) fokussierte auf neue Entwicklungen bei E-learning, Prüfungs- und Evaluationsmodalitäten in der rehabilitationsbezogenen Lehre [4].

In der vorliegenden Umfrage sollte das Angebot aller am QB12 beteiligten Themenbereiche evaluiert und miteinander verglichen werden. Neben den Erfahrungen mit dem Fächerkomplex wurden die beteiligten Institute nach den Lehrinhalten, der Art des Unterrichts sowie bestehender Bedarfe, Wünsche und Kritik hinsichtlich des QB12 gefragt.


2. Methodik

Im Februar 2014 wurden postalisch an alle 37 deutschen medizinischen Fakultäten Fragebögen verschickt. Um eine hohe Rücklaufquote zu erzielen, wurden die Anschreiben soweit per Internet oder telefonisch ermittelbar direkt an die zuständigen Lehrkoordinatoren geschickt, ansonsten wurden die Dekanate angeschrieben. Alle Ansprechpartner erhielten den Fragebogen in dreifacher Ausfertigung, d.h. jeweils einen für jeden der drei Themenbereiche sowie einen frankierten Rückumschlag, mit der Bitte diese an die Lehrbeauftragten bzw. Lehrkoordinatoren der drei beteiligten Themenbereiche weiterzuleiten. Es bestand auch die Möglichkeit einen Fragebogen für alle drei oder zwei Gebiete gemeinsam auszufüllen. Die Befragung erfolgte anonymisiert. Anfang April 2014 wurde eine schriftliche Erinnerung an alle Fakultäten versendet. Einige Ansprechpartner, die eine Teilnahme zugesichert hatten, wurden noch einmal telefonisch erinnert. Es wurden alle Fragebogen berücksichtigt, die bis zum 31.7.2014 zurückgesandt worden waren. Die Daten für die vorgelegten Ergebnisse basieren ausschließlich auf den so ermittelten Antworten.

Der Fragebogen wurde von den Autoren auf Basis vorangehender Befragungen, eigener Erfahrungen sowie verfügbarer Literatur entwickelt und im Rahmen eines Arbeitskreistreffens abgestimmt. Zu dem Arbeitskreistreffen waren alle Lehrenden aus dem Forum universitärer Arbeitsgruppen für Naturheilverfahren und Komplementärmedizin eingeladen. Darüber hinaus wurde der Fragebogen im Vorfeld sowohl an die Deutsche Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation e.V. geschickt als auch an einen Vertreter der Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften mit der Bitte ggf. Ergänzungen und Änderungen vorzunehmen sowie die Befragung zu unterstützen.

Der erste Teil des Fragebogens enthielt Fragen zur aktuellen Lehrsituation im QB12: Hier sollten u.a. Angaben über Zuständigkeiten, Lehrumfang und Organisation, Themenschwerpunkte und die Finanzierung gemacht werden. Darüber hinaus wurde nach der Zufriedenheit mit der Durchführung des QB12 gefragt und welche Gründe es für eine mögliche gute oder schlechte Evaluation gibt.

Im zweiten Teil wurden der Bedarf der Lehrenden z.B. nach Lehrmitteln oder personeller Unterstützung ermittelt. Der dritte und letzte Teil enthielt Fragen zur Soziodemographie und zur eigenen beruflichen Situation des Lehrverantwortlichen.


3. Ergebnisse

Von den 37 angeschriebenen Fakultäten sagten vier Universitäten ihre Teilnahme an der Befragung aus verschiedenen Gründen z.B. aufgrund des fehlenden Angebots eines QB12 vor Ort ab. Von den anderen 33 medizinischen Fakultäten wurden insgesamt 27 Fragebögen zurückgeschickt.

Zwölf Fragebogen wurden für alle drei Gebiete ausgefüllt, vier ausschließlich für Reha, zwei nur für Phys. Med., sechs nur für NHV. Für Reha + NHV wurde ein und für Phys. Med. + NHV wurden zwei Fragebögen zurückgeschickt. Insgesamt konnten 17 Fragebögen für den Themenbereich Reha ausgewertet werden, 16 für Phys. Med. und 21 für NHV. Die Rücklaufquoten lagen somit für Reha bei 51.5%, für Phys. Med bei 48.5% und für NHV bei 60.6% (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]). An 21 Standorten wird der QB12 sowohl im Winter als auch im Sommersemester angeboten, an fünf nur im Wintersemester und an einem Standort ausschließlich im Sommersemester.

Persönliche Angaben und Qualifikation

63% der Antwortenden (N=17) waren Männer und 30% (N=8) Frauen. Bei zwei Fragebögen wurden keine persönlichen Angaben gemacht. Bei der Frage nach der Funktion im Gebiet der Lehre gaben insgesamt 56 % (drei Frauen und zwölf Männer) an, dass sie die Lehre vor Ort koordinierten, 37% (fünf Frauen, fünf Männer) waren zudem konkret mit der Lehre beauftragt. In den 27 Fragebogen fanden sich insgesamt 19 Angaben zu persönlichen Zusatzqualifikationen. Zu den QB12 relevanten Zusatzqualifikationen zählen die folgenden Nennungen: Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Zusatzbezeichnungen Balneologie und medizinische Klimatologie, Manuelle Medizin/Chirotherapie, Naturheilverfahren, Physikalische Therapie, Physikalische Therapie und Balneologie, Rehabilitationswesen

Beteiligte universitäre Institute

Die Lehrenden wurden gebeten anzugeben, welches Institut bzw. welche Abteilung für die Koordination des QB12 verantwortlich ist und welche Einrichtungen darüber hinaus bei der Ausgestaltung des Unterrichts beteiligt sind. Von den 21 zuständigen Instituten weisen nur 10 (48%) in ihrem Namen auf einen der drei Themenbereiche des QB12 hin. Auch die genannten weiteren am QB12 beteiligten Einrichtungen sind, soweit aus den Namen erkennbar, größtenteils nicht auf Reha, Phys. Med oder NHV spezialisiert.

Bezahlung der Lehraufträge

Die Lehre im QB12 erfolgt in erheblichem Masse unbezahlt oder über Drittmittel finanziert. Eine Vollfinanzierung wurde am häufigsten für den Bereich NHV angegeben (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]).

Curriculum und Unterrichtszeiten

In 13 (48%) Rückantworten wurde angegeben, dass ein Curriculum für den QB12 vorhanden sei, davon bei zehn für alle drei Gebiete, einmal nur für Reha, einmal nur für Phys. Med., einmal für Reha und NHV. An neun Fakultäten gab es kein Curriculum. Drei Fakultäten gaben an, dieses für alle drei Gebiete gerade zu erarbeiten, zwei machten hierzu keine Angaben.

Abbildung 2 [Abb. 2] zeigt die Verteilung der Unterrichtsanteile der drei Themenbereiche im QB12 über alle beteiligten Fakultäten gerechnet.

Unterrichtsformate und -inhalte

Die meisten Unterrichtseinheiten (UE) erfolgten als Vorlesungen und Seminare über das Semester verteilt. Das Lehrformat des Problemorientierten Lernens (POL) fand sich in keiner der Antworten. Drei Fakultäten boten zusätzlich Exkursionen in Rehakliniken an. Abbildung 3 [Abb. 3] gibt einen Überblick zu der Aufteilung in die einzelnen Unterrichtsformen.

Zu den Lehrinhalten der einzelnen Fächer sollten die Lehrenden detaillierte Angaben machen. In einem Freitext (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]) hatten sie die Möglichkeit, ausführlich die Themenschwerpunkte für die einzelnen Gebiete zu beschreiben. Es zeigt sich, dass in NHV auch verschiedene Maßnahmen der Komplementärmedizin behandelt werden.

Positive und negative Erfahrungen

Im Rahmen von Freitexten wurde nach positiven und negativen Erfahrungen bei der Lehre im QB 12 gefragt (siehe Tabelle 3 [Tab. 3]).

Bedarf und Wünsche

Zwanzig (74%) der antwortenden Lehrkoordinatoren sahen keinen Bedarf an Lehrmaterialien für die Dozenten im QB12, zwei gaben an Folien bzw. Vorträge zur Unterstützung für die Lehre in Reha und Phys. Med. zu benötigen. Sechzehn Lehrende (59%) benötigten kein weiteres Lehrpersonal. Vier Lehrende hatten keinerlei Wünsche an einer Verbesserung des Unterrichtes.

Interesse der Studierenden an den Fächern

Abschließenden wurden die Lehrenden gebeten, einzuschätzen, wie sich das Interesse seitens der Studierenden am QB12 aus Ihrer Sicht entwickelt habe. Mehr als jeder Dritte (39%, N=10) von allen drei Themenbereichen gab an, dass es in ihrem jeweiligen Fach gleichgeblieben sei. Zwei Lehrende in der Reha und den NHV sowie drei der Phys. Med. konnten das Interesse nicht einschätzen. Ein abnehmendes Interesse konstatierten zwei der Reha Lehrenden und jeweils ein Lehrender von Phys. Med. und NHV. Fünf Lehrende der Reha, sechs bei der Phys. Med. und acht bei den NHV stellten ein zunehmendes Interesse an ihrem Fach fest.


4. Diskussion

Die vorliegende Erhebung ist die erste, bei der detailliert Lehrinhalte und Einschätzungen der zuständigen Lehrenden aus allen drei Teilbereichen des Querschnittsbereichs 12 (QB12) abgefragt und miteinander verglichen wurden. Insgesamt wurden Informationen zum QB12 von 21 Universitäten ausgewertet, was bei 33 avisierten Antworten einer Rücklaufquote von 64% entspricht. Da die Rücklaufquote für alle drei Themenbereiche vergleichbar ist, lassen sich somit Aussagen für jeden Themenbereich treffen.

Fast die Hälfte der zurück gesendeten Fragebogen war für mehr als einen Themenbereich ausgefüllt, was dafür spricht, dass Lehrverantwortliche häufig für mehrere Themenbereiche des QB12 verantwortlich sind.

Der Unterricht im QB12 in Deutschland ist heterogen in Bezug auf Zeitumfang, Gewichtung der einzelnen Teilgebiete sowie Zuständigkeiten der Verantwortlichen an den einzelnen Universitäten. Diese Heterogenität besteht seit Beginn der Einführung des Querschnittsbereiches [5] und auch die Einführung von Lernzielkatalogen [3] und Curricula scheinen hier keine Veränderung gebracht zu haben, wie auch die neueste Befragung aus dem Jahr 2015 bestätigt [6]. Auch in anderen Querschnittsbereichen wird das stark unterschiedliche Angebot von Universität zu Universität in Deutschland moniert. So kamen Möller et al. [7] bei ihrer Befragung zu dem Ergebnis, dass für den Querschnittsbereich GTE (Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin) die Anzahl der Gesamtstunden je nach Fakultät variiert, ebenso wie die Unterrichtsformen, das Vorhandensein eines Curriculums und die Unterstützung des Unterrichts durch Lehrpersonal. Schiessl et al. [8] zeigten für den QB 13 (Palliativmedizin) ebenfalls eine große Inhomogenität bezüglich des Stundenumfangs und diskutierten die Frage, ob das nur für den QB13 gelte oder ein Ausdruck der Gestaltungsfreiheit der einzelnen Fakultäten sei. Die Heterogenität der Lehre spiegelt sich auch in der Befragung von Plaumann et al. [9] für den Querschnittsbereich Prävention und Gesundheitsförderung (QB10) wieder. Bei dieser Heterogenität der Lehre liegt die Vermutung nahe, dass sich auch das Ergebnis, nämlich Wissen und Fähigkeiten der unterrichteten Studierenden an den einzelnen Universitäten sowohl qualitativ als auch quantitativ eklatant unterscheiden.

In der ambulanten klinischen Versorgung geben 60% der Hausärzte in Deutschland an, naturheilkundliche bzw. komplementärmedizinische Verfahren anzuwenden [10]. Da an den Universitäten Forschung und Lehre in den Themenbereichen des QB12 bislang noch unzureichend sind [11], können zukünftige Ärzte Kenntnisse und Fähigkeiten in diesen Gebieten an der Universität häufig nicht qualifiziert oder nur punktuell erwerben. Das würde bedeuten, dass breitere und vertiefte Fähigkeiten in den Gebieten nur außeruniversitär in den entsprechenden Fachgesellschaften und im Rahmen der Weiterbildung für Ärzte zu erlernen sind. Es ist davon auszugehen, dass die geringe bzw. fehlende strukturelle Verankerung von Reha, Phys. Med. und NHV an deutschen Hochschulen die Forschung und Lehre in diesen Themenbereichen beeinträchtigt. Dies könnte dazu führen, dass Patienten wirksame Therapieoptionen der Reha, Phys Med. und NHV vorenthalten bleiben. Darüber hinaus ist davon auszugehen, Patienten diese Therapieoptionen ohne ärztliche Kenntnis nutzen und dadurch möglicherweise gefährdet werden, z.B. Wechselwirkungen beim Gebrauch pflanzlicher Medikamente. So gaben 40% der befragten Patientinnen mit der Diagnose Ovarialkarzinom an, dass sie während der Chemotherapie mindestens ein zusätzliches pflanzliches Mittel ohne Wissen ihres Arztes einnahmen, was wiederum die Wirksamkeit der Chemotherapie einschränken könnte [12].

Bei den Lehrinhalten gibt es viele Überschneidungen von z.B. Phys. Med. und NHV. In Phys. Med. werden zum Teil klassische NHV gelehrt, dann werden zum Teil diese Therapien noch in einem NHV Blockseminar gelehrt. Hier könnten Synergien zugunsten von mehr Inhalten geschaffen werden, wenn die Universitäten eine einzige Stelle für die Lehrkoordination für alle drei Gebiete festlegen würden. Grundlage für die so besser aufeinander abgestimmten Fächer könnte z.B. ein gemeinsames Curriculum sein, das es nur an den wenigsten Standorten gibt. Bei einer qualitativen Erhebung 2012 gaben z.B. alle acht Leiter von universitären Einrichtungen mit dem Schwerpunkt NHV und Komplementärmedizin in Deutschland an, dass nur eine gemeinsame Vision der Lehrenden aller drei Themenbereiche zielführend ist. Aufgrund dieser gemeinsamen Ausrichtung könnten dann Feinziele wie Vernetzung in Lehre und Forschung und Verstetigung von Forschungsgruppen formuliert und erreicht werden [13].

Neben der gemeinsamen Vision stellt sich die Frage nach den Kernkompetenzen, die künftigen Ärzten an der Universität vermittelt werden sollten. Im Jahr 2004 haben Mau et al einen Lernzielkatalog erstellt, der die Lehrinhalte für alle drei Gebiete auflistet [2]. Für die Naturheilverfahren und Komplementärmedizin gibt es ein gemeinsames Curriculum, das hochschulübergreifend erstellt wurde [14]. Diese Lernzielkataloge sind bislang nicht koordiniert und gelten mehr als Orientierung denn als verbindlich. Im Gebiet der Rehabilitationsmedizin ist dieses Curriculum in der Fachgesellschaft abgestimmt und für die Fakultäten empfohlen, in den beiden anderen Gebieten erfolgte bisher keine Abstimmung.

Studierende der Medizin sollten in ihrer praktischen und wissenschaftlichen Selbständigkeit stärker gefördert werden [15]. Wenn man die in der vorliegenden Erhebung erfassten Lehrmethoden mit den Bemühungen in anderen medizinischen Themenbereichen und auch Querschnittsbereichen vergleicht, die vermehrt innovative und interaktive Lehrmethoden intergieren [16], so erstaunt doch die Umsetzung in den drei untersuchten Themenbereichen. Gerade die Verfahren der Reha, der Phys. Med und der NHV bieten gute Möglichkeiten für einen praxisnahen, innovativen Unterricht. Hier sollten wie schon früher gefordert [5] moderne praxisorientierte Lehr- und Prüfungsverfahren verstärkt zum Einsatz kommen.

Die Hauptgründe für einen erfolgreichen Ablauf wurden in dem Engagement der DozentInnen gesehen. Dieses Argument wurde bei der vorliegenden Befragung am häufigsten genannt, auch eine gute Organisation und ein eingespieltes Team sowie motivierte Studierende wurden als wichtig für eine erfolgreiche Veranstaltung bezeichnet. Darüber hinaus schienen die Möglichkeiten und Gegebenheiten vor Ort sowie die Hilfsmittel entscheidend für eine gute Lehrveranstaltung zu sein.

Im Jahr 2010 kamen Wiebelitz et al. zu dem Schluss, dass die gemeinsame Lehre der drei Fachrichtungen eine gute Fächerkombination darstellt [17]. Trotz Heterogenität und unterschiedlicher Anteile und Verantwortlichkeiten in den Themenbereichen schienen die Lehrenden in der vorliegenden Studie mit der derzeitigen Situation eher zufrieden als unzufrieden zu sein. Allerdings, stehen größere Veränderungen in der Fächergestaltung und den Lehrkonzepten bevor. Zum einen werden die Modell-, und Reformstudiengänge verstetigt werden, bei denen der Querschnittsbereich nicht explizit vorgesehen ist. Hier besteht die Notwendigkeit sich beizeiten zu positionieren. Zum anderen steht das Medizinstudium insgesamt vor einem Umbruch. Zunehmend wird die traditionelle Fächerorientierung der kompetenzorientierten Vermittlung von Inhalten weichen. Mit Blick auf den Patienten werden so klinisch und auch wissenschaftliche Inhalte noch mehr miteinander verbunden werden [18]. Hierbei besteht eine Chance für die in der Bevölkerung beliebten und akzeptierten Therapien des QB12 in der universitären Lehre eine größere Rolle eingeräumt zu bekommen.


Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

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