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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Einstellungen zur Allgemeinmedizin: eine vergleichende querschnittliche Befragung von Medizinstudierenden des 1. und 5. Studienjahres

Forschungsarbeit Humanmedizin

  • corresponding author Carsten Kruschinski - Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Allgemeinmedizin, Hannover, Deutschland
  • author Birgitt Wiese - Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Biometrie, Hannover, Deutschland
  • author Eva Hummers-Pradier - Universitätsmedizin Göttingen, Abteilung Allgemeinmedizin, Göttingen, Deutschland

GMS Z Med Ausbild 2012;29(5):Doc71

doi: 10.3205/zma000841, urn:nbn:de:0183-zma0008418

Dieses ist die Originalversion des Artikels.
Die übersetzte Version finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2012-29/zma000841.shtml

Eingereicht: 30. April 2012
Überarbeitet: 8. Juli 2012
Angenommen: 30. Juli 2012
Veröffentlicht: 15. November 2012

© 2012 Kruschinski et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Zielsetzung: Eine positive Einstellung zum Fach Allgemeinmedizin kann als eine Voraussetzung für die Wahl einer Tätigkeit als Hausarzt und für die spätere interprofessionelle Zusammenarbeit angesehen werden. Ziel der Studie war es daher, die Einstellungen von Medizinstudierenden am Beginn zu erheben und mit denen gegen Ende des Studiums zu vergleichen.

Methodik: 160 Studienanfänger an der Medizinischen Hochschule Hannover wurden zu ihren Einstellungen befragt. Der Vergleich erfolgte anhand einer Kohorte von 287 Studierenden aus dem 5. Jahr. Dazu wurden deskriptive, bi- und multivariate statistische Analysen zur Darstellung des Einflusses von Studienjahr und Geschlecht durchgeführt.

Ergebnisse: Sowohl Befragungszeitpunkt als auch Geschlecht erwiesen sich häufig als mit den Einstellungen zur Allgemeinmedizin und den zugehörigen Kompetenzen assoziiert. Grundsätzlich war das Interesse am Fach und an den Kennzeichen einer patientenorientierten Arbeitsweise (Interesse an Gesprächsführung, Versorgung chronisch kranker, älterer Patienten) am Beginn des Studiums größer als bei den älteren Studierenden. Frauen waren solchen Anforderungen gegenüber stärker aufgeschlossen als Männer, bei denen die Einstellungsunterschiede zwischen den Jahrgängen zudem meist größer waren.

Schlussfolgerung: Trotz Einschränkungen durch das querschnittliche Design ergaben sich Hinweise, dass sich Einstellungen während des Studiums zuungunsten hausärztlicher Kompetenzen verändern. Dies deutet auf den prägenden Einfluss vorherrschender Ausbildungsstrategien hin und eröffnet zugleich Chancen anders gerichteter Einstellungsänderungen.

Schlüsselwörter: Allgemeinmedizin, Ausbildungsforschung, Befragung, Kompetenzen, Einstellungen


Einleitung

Über Haus- und Landarztmangel wird derzeit oft berichtet. Um mögliche Ursachen zu identifizieren, wird zu Recht regelmäßig die Weiterbildungs- und die Niederlassungssituation unter die Lupe genommen, da diese potentielle Interessenten abschrecken könnte. In der Folge wurde die Weiterbildung vielerorts durch die Schaffung von Weiterbildungsverbünden mit der Sicherstellung fester Rotationsabschnitte von Anfang an und inhaltlicher Untermauerung durch begleitende Seminare stärker strukturiert [1], [2], [3].

Weniger oft wurden hierzulande bislang Ursachen des hausärztlichen Nachwuchsmangels im Medizinstudium selbst untersucht. Aus dem Ausland ist bekannt, dass während dieser Zeit Rollenvorbilder im Hinblick auf Karrierewege wichtig sind [4], [5]. Auch ein frühzeitiger, möglichst langer Kontakt mit der Allgemeinmedizin [4], [6] kann die Entscheidung für eine hausärztliche Weiterbildung positiv beeinflussen. Hochschul- und gesundheitssystembedingte Unterschiede schränken die Übertragbarkeit solcher Erkenntnisse aus dem Ausland jedoch ein. Eine aktuellere Befragung zu Karriereabsichten einer großen Stichprobe Medizinstudierender in Baden-Württemberg (n=1.299) beschreibt die Bedeutung konkreter tätigkeits- und persönlichkeitsbezogener Faktoren [7], wobei etwa das Interesse an „Patientenorientierung“ als mit der Berufswahl „Hausarzt“ assoziiert beschrieben wurde.

Für die vorliegende Publikation wurde der Fokus mehr auf die grundsätzlichen Einstellungen von Medizinstudierenden zur Allgemeinmedizin gerichtet. Einstellungen (sog. affektive Lernziele) stellen neben Wissenserwerb und praktischen (inkl. kommunikativen) Fertigkeiten eine der drei Arten von Ausbildungszielen im Medizinstudium dar [8]. Einstellungen werden bereits aus der Schule und dem bisherigen Leben „mitgebracht“, sie verändern sich während des Studiums durch Reifungsprozesse der jungen Erwachsenen weiter, können aber auch bewusst als angestrebte Lernziele durch eine Fakultät formuliert werden. Eine positive Einstellung gegenüber der Allgemeinmedizin wird in der vorliegenden Untersuchung als eine Voraussetzung für die Wahl des Berufsziels „Hausarzt“ verstanden [9], [10] und ist im Hinblick auf die spätere interprofessionelle Zusammenarbeit ein wünschenswertes Ausbildungsziel. Aus diesen Gründen wurden die Einstellungen von Medizinstudierenden des 1. und 5. Studienjahres an der MHH vergleichend ermittelt.


Methodik

Studiendesign, Teilnehmer und Ablauf

Für die Studie wurde eine Erhebung von Einstellungen zur Allgemeinmedizin in Form einer schriftlichen Befragung durchgeführt. Für die vorliegende Veröffentlichung wurden Studierende des 1. Studienjahres der MHH noch vor den ersten Lehrveranstaltungen in der sog. Erstiwoche im Oktober 2011 befragt. Die Ergebnisse werden vergleichend dargestellt mit den Ergebnissen einer Befragung von Studierenden des 5. Studienjahres im Zeitraum 2008-2010, die bereits veröffentlicht wurden [11]. Es liegt somit eine vergleichende querschnittliche Untersuchung vor, da nicht dieselben Individuen über die Zeit nachverfolgt wurden.

Im 1. Studienjahr wurden insgesamt n=160 Teilnehmer für die aktuelle Befragung rekrutiert (Teilnahmequote: 58,4%). Dies geschah im Hörsaal durch direkte Ansprache der Studierenden am Beginn einer Informationsveranstaltung der Erstiwoche zu Aspekten der Allgemeinmedizin und zum Skills Lab der MHH (Trainingszentrum für ärztliche Fertigkeiten) durch den Autor CK. Die Studierenden wurden nach einer kurzen Erläuterung der Befragung zunächst um das Ausfüllen der Fragebögen in Stillarbeit (ca. 10 Minuten) gebeten. Danach wurden die Fragebögen eingesammelt und die Informationsveranstaltung durchgeführt.

Die Befragung von n=287 Teilnehmern im 5. Studienjahr ist andernorts ausführlich beschrieben [11]: Die Befragten stammten aus insgesamt 5 Tertialen aus 2 aufeinander folgenden Studienjahren (Teilnahmequote: 67,8%). Das Austeilen der Fragebögen war hier immer am Beginn des Blockpraktikums Allgemeinmedizin im Rahmen der Einführung im Hörsaal erfolgt sowie für einen prä-/post-Vergleich zusätzlich einige Wochen nach Ende des Blockpraktikums. Für den Vergleich mit den Ergebnissen der aktuellen Befragung aus dem 1. Studienjahr wurden nur die Baselinedaten der Befragung im 5. Jahr (also vor dem hausärztlichen Blockpraktikum und dem begleitenden Seminarfach) herangezogen.

Das Studienvorhaben wurde dem Vorsitzenden der Ethikkommission an der MHH vor der Befragung im 5. Studienjahr vorgelegt und genehmigt (Nr. 611). Die aktuelle Befragung im 1. Studienjahr unterschied sich davon praktisch nicht, der nur leicht modifizierte Fragebogen wurde zusätzlich dem Studiendekanat (Bereich Evaluation und Kapazität) vorgelegt und als Befragung zu speziellen Aspekten des Studiengangs Medizin nach §2, Absatz 1c, der Evaluationsordnung genehmigt.

Design des Fragebogens

Der verwendete Fragebogen und seine Entstehung wurde in [11] ausführlich dargestellt. Der Fragebogen enthielt zum einen eine Reihe soziodemographischer Kenndaten wie Alter, Geschlecht, Herkunft (z.B. Land, Großstadt) sowie Angaben zu Abiturnote, bisherigen Berufsabschlüssen und geplanter Fachrichtung (vgl. Tabelle 1 [Tab. 1]). Die Frage nach Erfahrungen in der Allgemeinmedizin (z.B. Famulatur) entfiel in der aktuellen Befragung, da es sich um Studienanfänger handelte.

Der Fragebogen wies zum anderen 39 eigentliche „Einstellungsitems“ auf. Nach einer umfassenden Literaturrecherche wurden einige bislang nur im Ausland eingesetzte Fragebögen identifiziert [11], gesichtet, verglichen und eine Auswahl relevanter Items getroffen. Sie wurden ins Deutsche übersetzt und gleichzeitig kulturell adaptiert. Bei der Übersetzung wurden auch Rückübertragungen ins Englische vorgenommen, um mögliche Bedeutungsverzerrungen zu identifizieren.

Im Vergleich zur Befragung im 5. Studienjahr ist nur das Item zur Selbstwirksamkeitserwartung entfallen, das bei den Studienanfängern nicht passend war. Alle Items wiesen fünfstufige Likert-Skalen auf (1=„trifft nicht zu“ bis 5=„trifft zu“). Da einige Fragen als für Studienanfänger schwer verständlich bzw. beurteilbar eingestuft wurden, wurde für die aktuelle Befragung zusätzlich die Option „weiß nicht“ eingefügt.

In der vorliegenden Publikation wird eine Auswahl inhaltlich besonders relevanter Einstellungsitems in den Tabellen präsentiert. Die Auswahl erfolgte aus Platzgründen und aufgrund inhaltlicher Überschneidungen. Für die Identifizierung und Gruppierung inhaltlich vergleichbarer Items war in [11] eine Faktorenanalyse erfolgt. Diese hatte 13 Faktoren – dargestellt in Tabelle 2 [Tab. 2] – zu verschiedenen Inhalten des Fragebogens ergeben. Auf deren Basis wurde die Auswahl von Items für die vorliegenden Tabellen 3 [Tab. 3] und 4 [Tab. 4] getroffen, wobei möglichst viele Aspekte des Fragebogens abgebildet werden sollten und der Fokus möglichst spezifisch auf die Einstellungen zur für Medizinstudierende nachvollziehbar genuinen hausärztlichen Arbeitsweise gerichtet war. Dies war etwa für das Item zur elektronischen Patientenakte [=Faktor 11] nicht zutreffend, welches somit hier nicht dargestellt ist.

Statistische Analysen

Die soziodemographischen Kennwerte und alle weiteren Angaben wurden deskriptiv-statistisch ausgewertet (Mittelwerte, Standardabweichung, Häufigkeitsangaben in [%]).

Die Auswertung der Einstellungsitems erfolgte zum einen deskriptiv-statistisch (Darstellung anhand der Mittelwerte der Likert-Skalenwerte). Die Ergebnisse des 1. und 5. Studienjahres wurden zum anderen mittels non-parametrischem Mann-Whitney-U-Test in Beziehung gesetzt. Für diesen statistischen Vergleich auf Einzelitemebene wurde wegen der Vielzahl durchgeführter Tests nach Bonferroni korrigiert: Bei n=39 Items wurde demnach ein P-Wert kleiner als 0,05/39=0,00128 als statistisch bedeutsam interpretiert.

In einer multivariaten Analyse wurde das Geschlecht der Teilnehmer neben der Zugehörigkeit zu Studienjahr 1 oder 5 als unabhängige Variable betrachtet und der Zusammenhang mit den Einstellungen (abhängige Variable) dargestellt. Dies erfolgte mittels einer ordinalen logistischen Regression mit Angaben von Odds Ratio (OR) und 95%-Konfidenzintervall (KI). Der Aspekt des gleichzeitigen, unabhängigen Einflusses von Geschlecht und Jahr wurde zusätzlich in einer Abbildung (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]) verdeutlicht. Die unterschiedlichen Arten des Einflusses (A bis D) ergaben sich als eine Zusammenfassung der Erkenntnisse aus den bi- und multivariaten Analysen.


Ergebnisse

Charakterisierung der Studienteilnehmer

Im Vergleich zum 5. Studienjahr waren die im 1. Studienjahr befragten Studienteilnehmer folgerichtig jünger (durchschnittlich 21 versus 26 Jahre) und hatten ein etwas besseres Abitur (mittlere Durchschnittsnote 1,6 versus 1,8). Die Studienanfänger kamen im Vergleich etwas häufiger aus der Kleinstadt, seltener aus der Großstadt, und waren häufiger noch unentschlossen bezüglich der Wahl ihrer späteren Fachrichtung (ca. die Hälfte im 1. versus ein Drittel im 5. Studienjahr). Allgemeinmediziner wollten -unter Einbezug des Berufswunsches Innere Medizin ohne Spezialisierung- 11% (1. Jahr) bzw. 13% (5. Jahr) werden. Eine detaillierte Übersicht über die soziodemographischen Angaben der Studienteilnehmer gibt Tabelle 1 [Tab. 1].

Einstellungsunterschiede im 1. und 5. Studienjahr

Signifikante Unterschiede (definiert als P<0.001) fanden sich bei 8 (20,5%) der 39 abgefragten Einstellungsitems. Eine Auswahl der Items nach den im Methodenteil beschriebenen Kriterien ist in Tabelle 3 [Tab. 3] dargestellt.

Allgemeinmedizin wurde schon im ersten Studienjahr eher nicht zu den drei am meisten faszinierenden Fächern gezählt (mittlerer Likertwert 2,50). Dies war im 5. Jahr allerdings noch signifikant weniger der Fall (2,15). Dennoch wurden Erfahrungen in der Allgemeinmedizin als sehr wertvoll für den Arztberuf angesehen, im 5. Studienjahr jedoch weniger als im 1. (4,54 bzw. 4,05). Items, die sich auf psychosoziale Fertigkeiten bzw. Gesprächskompetenz bezogen, wurden im 1. Studienjahr mit einer größeren Aufgeschlossenheit betrachtet, während die darin abgefragten Aspekte im 5. Jahr für weniger interessant gehalten wurden.

In einigen hier nicht abgedruckten Items waren solche Inhalte ebenfalls enthalten. Dies betraf zum Beispiel die Frage, die Behandlung akuter Beschwerden sei interessanter als die Betreuung chronisch kranker Patienten (1. Jahr: 3,09; stärker zutreffend im 5. Jahr: 3,39; P=0,009). Auch die Betreuung geriatrischer Patienten interessierte Studierende des 5. Studienjahres „eher weniger“ als solche des 1. Studienjahres (1. Jahr: 3,26; 5. Jahr: 3,70; P=0,001).

Bezüglich Items zur Koordinations- und Filterfunktion wurde den Hausärzten von den jüngeren Studierenden noch eine geringere Bedeutung beigemessen. Das Interesse an nicht-grundlagenorientierter Forschung war im 5. Jahr geringer ausgeprägt als im 1. Studienjahr.

Einstellungsunterschiede von Männern und Frauen

Die Einstellungen zur Allgemeinmedizin von Männern und Frauen lagen im 1. Studienjahr überwiegend eng beieinander (Beispiele A, B, D in Abbildung 1 [Abb. 1]). Dies war im 5. Jahr anders, wo sich sehr häufig statistisch bedeutsame Einstellungsunterschiede zwischen den Geschlechtern fanden (s. andernorts publizierte Ergebnisse [11]). Die Ursache für einen Einstellungsunterschied zwischen den Jahrgängen war dabei häufiger eine signifikant andere Einstellung der Männer, wohingegen die Einstellung der Frauen im 1. und 5. Studienjahr ähnlicher war. Dieser Aspekt ist ablesbar an den in Tabelle 4 [Tab. 4] dargestellten Ergebnissen der multivariaten Analyse, worin die Faktoren „Geschlecht“ und „Studienjahr“ gleichzeitig berücksichtigt wurden. ORs mit KI ohne Einschluss der „1“ weisen dabei auf unabhängige signifikante Assoziationen von Geschlecht und/oder Studienjahr mit den gemessenen Einstellungen hin.

In Abbildung 1 [Abb. 1] wurde dieser Zusammenhang beispielhaft für einige Items veranschaulicht. Bei einer „Schere“ (B, D) oder mit Abstand parallel verlaufenden Kurven (C) ist -neben dem zeitlichen Effekt bei ansteigenden/abfallenden Kurven- zusätzlich ein Geschlechtereffekt ablesbar. Letzterer betraf viele der gesprächsbezogenen, psychosozialen Aspekte, einschließlich der Betreuung chronisch kranker Patienten, die Männern des 5. Studienjahres -signifikant stärker als Frauen- weniger wichtig waren als denen im 1. Studienjahr.


Diskussion

Zusammenfassung der wichtigsten Resultate

In der vorliegenden Befragung von Medizinstudierenden wurde ein umfassendes Bild einer Vielzahl von Einstellungen von Studienanfängern zur Allgemeinmedizin und dafür relevanten Kompetenzen gezeichnet. Im Vergleich zu im 5. Studienjahr an einer anderen Kohorte ermittelten Einstellungen waren Studierende des 1. Jahres dem Fach gegenüber grundsätzlich noch stärker aufgeschlossen und zeigten ein größeres Interesse an den zugehörigen Kompetenzen. Der Unterschied zwischen den Jahren war häufig durch die Subgruppe der Männer verursacht, bei denen im 5. Jahr eine stärkere Abweichung im Vergleich zu den Frauen erkennbar war.

Vergleich mit der Literatur

Grundsätzlich legen wir für die Diskussion die Annahme zugrunde, dass eine positive Einstellung zum Fach Allgemeinmedizin eine entscheidende Voraussetzung für das Berufsziel Hausarzt darstellt [9], [10]. Einstellungen sind dabei als modellierbare Ausbildungsziele im Medizinstudium zu verstehen [5], [8], [9]. Die folgende Besprechung zielt daher auf diejenigen Determinanten der Berufswahl, die einer Prägung im Rahmen des Medizinstudiums unterliegen können.

Bereits Wertvorstellungen bei Eintritt in das Medizinstudium können mit der späteren Berufswahl zum Allgemeinarzt korrelieren. Dies ist etwa beschrieben für die Erwartung eines hohen Einkommens, Forschungsinteresse (jeweils negativ korreliert) bzw. eine zustimmende Einschätzung zur Wichtigkeit von Hausärzten (positiv korreliert) [4]. Zum Teil könnte also bereits durch die Auswahl von Bewerbern in Zulassungsgesprächen aufgrund sozialer Kompetenzen oder eines Forschungsinteresses in den Grundlagenwissenschaften eine Selektion von der Allgemeinmedizin mehr oder weniger aufgeschlossenen „Charakteren“ beeinflussen.

Grundsätzlich korreliert der Umfang allgemeinmedizinischer Lehre (insbesondere im dritten und vierten Studienjahr) mit der Entscheidung für das Fach [4], [6]. Allgemein sind Erfahrungen in der Praxisrealität wertvoll, um die Einstellungen zum Fach und gleichzeitig den Berufswunsch „Hausarzt“ günstig zu beeinflussen [11], [12], [13], [14], [15]. Dies untermauert aktuelle Bestrebungen, etwa die vorgeschriebene Zeit im allgemeinmedizinischen Blockpraktikum auf zwei Wochen zu verlängern [16]. Interessant ist, dass die Einstellungen zur Allgemeinmedizin sich in zwei Studien aus Großbritannien vom 1. bis zum 5. Studienjahr – anders als in unseren Daten – positiv entwickelt haben [9], [15]. Dies könnte als ein Hinweis auf eine traditionell stärker verankerte Allgemeinmedizin in einem primärärztlich organisierten Gesundheitssystem interpretiert werden. Jedoch müssten für eine differenziertere Beurteilung die Curricula im Hinblick auf den Umfang allgemeinmedizinisch orientierter Lehre (siehe oben) verglichen und auch die wertschätzende Haltung der Fakultät bzw. der Lehrenden betrachtet werden, da man von einer ungünstigen Wirkung negativer Kommentare einem Fach gegenüber ausgehen muss [4], [17].

Vermutungen über Charakteristika eines Faches, z.B. die Befürchtung einer intellektuellen Unterforderung [4], [18] oder die eines mangelnden Ansehens [4], spielen ebenfalls eine Rolle bei Karriereüberlegungen. Dies spricht dafür, Studierende während des Studiums gut und wertschätzend über das Berufsbild des Hausarztes zu informieren, falsche Vorstellungen zu korrigieren und für positive Rollenmodelle zu sorgen [19], [20]. Das Gefühl von Abwertung oder auch geringer Profit war in unseren Daten hingegen kein bedeutsames Argument gegen die Wahl des Hausarztberufes, für Männer im Mittel aber stärker zutreffend als für Frauen. Bei aktuell an 5 Standorten befragten Studierenden in Deutschland waren „berufliche Ambitionen“ (gemeint ist Forschungsbezug) bei solchen, die Allgemeinmediziner werden wollten, weniger wichtig. Hingegen spielte „Patientenorientierung“ (Interesse an langdauernden Beziehungen zu Patienten und Prävention) eine größere Rolle [7] (auch z.B. [21]). Derartige von uns noch detaillierter adressierte Einstellungen scheinen sich am Ende des Studiums zuungunsten der Allgemeinmedizin zu entwickeln.

Die Aufgeschlossenheit gerade für psychosoziale Aspekte von Medizin [21] ist also ungünstigerweise kurz vor dem Praktischen Jahr geringer ist als noch zu Anfang. Längere Ausbildungsabschnitte in der Allgemeinmedizin wirken sich wie oben beschrieben günstig auf den Nachwuchs aus, möglicherweise indem diese zu Beginn ja ausgeprägten Eigenschaften und Interessen von Medizinstudierenden regelmäßig angesprochen und gefördert werden. Dies war auch in unserer ersten prä-/post-Befragung (vor und nach dem Blockpraktikum Allgemeinmedizin) im 5. Studienjahr sichtbar [11]. Das Blockpraktikum hatte eine Änderung im Sinne einer größeren Aufgeschlossenheit zur Folge, wobei diese Einstellungsänderung gerade bei männlichen Studierenden ausgeprägt war. Dies ist grundsätzlich vielversprechend im Hinblick auf die Veränderbarkeit von Haltungen durch Ausbildungsinterventionen.

Stärken und Schwächen

Insgesamt sind Daten von fast 450 Studierenden in die vorliegend beschriebene Auswertung eingegangen. Die Erhebung wurde zwar nicht multizentrisch durchgeführt (wie aktuell in Spanien [22]), dafür in sehr unterschiedlichen Studienabschnitten ganz zu Beginn und im vorletzten Studienjahr. Dies ermöglichte eine Kontrastierung von Einstellungen und eine Darstellung von deren möglicher Änderung während des nahezu gesamten theoretischen Ausbildungsabschnittes. Die Unterschiede zwischen den Jahren könnten auch durch grundsätzliche Einstellungsunterschiede in den befragten Kollektiven bedingt sein. Jedoch fanden sich außer der Altersdifferenz, die verbunden ist mit den zu erfassenden Einstellungsänderungen bei Durchlaufen des Studiums, bei den übrigen Merkmalen (Geschlecht, Abiturnote, Herkunft) nur geringe Gruppenunterschiede. Letztlich kann die vorliegende querschnittliche Untersuchung unter Hinzuziehung einer historischen Vergleichsgruppe jedoch nur Hinweise auf diesbezügliche Unterschiede liefern, die längsschnittlich zu überprüfen wären.

Positiv hervorzuheben ist die Verwendung von bereits erprobten, teilweise im Ausland validierten und in mehrfachem Review-Verfahren verfeinerten Items [11]. Die Befragung auf Basis der insgesamt großen Anzahl an Items ergab ein gleichgerichtetes, inhaltlich stimmiges Bild (face validity). Eine Vereinfachung und formale Validierung unseres deutschsprachigen Fragebogens steht jedoch noch aus.


Schlussfolgerungen

Unsere empirische Untersuchung gibt starke Hinweise auf unterschiedliche Einstellungen von männlichen und weiblichen Medizinstudierenden am Beginn bzw. Ende ihrer Ausbildung. Diese Schlussfolgerung wird jedoch durch die Erhebung in einem querschnittlichen Design eingeschränkt und sollte längsschnittlich überprüft werden. Sowohl im Hinblick auf den Karriereweg „Allgemeinmedizin“ als auch die spätere interprofessionelle Zusammenarbeit sollte bereits im Studium weiter an einer positiven Perzeption des Faches gearbeitet werden. Dies betrifft Bestrebungen wie die kontinuierliche Ausbildung in psychosozialen Fertigkeiten [23] und eine anteilmäßig möglichst hohe Präsenz des Faches, z.B. in Form von longitudinal angelegten Programmen [15], [24] wie im hausärztlichen Adoptionsprogramm Witten-Herdecke [25]. Es wäre zu evaluieren, inwieweit solche Maßnahmen auch in Deutschland dazu beitragen können, Einstellungen zu modifizieren und weiteren Nachwuchs für die Allgemeinmedizin zu gewinnen.


Danksagung

Wir bedanken uns bei allen Medizinstudierenden für ihre Teilnahme an der Befragung.


Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


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