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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Maike Rotzoll, Marion Hulverscheidt (Hrsg): Nie geschehen. Schreiben über die Pest. Texte aus einem medizinhistorischen Lehrexperiment

Buchbesprechung Humanmedizin

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  • corresponding author Christoffer Krug - Justus-Liebig-Universität Giessen, Fachbereich Medizin, Institut für Geschichte der Medizin, Giessen, Deutschland

GMS Z Med Ausbild 2012;29(4):Doc52

doi: 10.3205/zma000822, urn:nbn:de:0183-zma0008226

Dieses ist die Originalversion des Artikels.
Die übersetzte Version finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2012-29/zma000822.shtml

Eingereicht: 14. Dezember 2011
Überarbeitet: 11. Mai 2012
Veröffentlicht: 8. August 2012

© 2012 Krug.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Bibliographische Angaben

Maike Rotzoll, Marion Hulverscheidt (Hrsg):

Nie geschehen. Schreiben über die Pest. Texte aus einem medizinhistorischen Lehrexperiment

Centaurus Verlag & Media KG

Erscheinungsjahr: 2011, 227 Seiten, € 19,80


Rezension

Kreatives Schreiben in der Medizingeschichte - ist das überhaupt möglich? Und wo liegt der Lerneffekt? Diese Fragen versuchen Maike Rotzoll und Marion Hulverscheidt mit ihrem Sammelband „Nie geschehen. Schreiben über die Pest“ zu beantworten. Untertitelt wird das Buch: „Texte aus einem medizinhistorischen Lehrexperiment“. Einem klassischen Experiment folgend eröffnet das Werk daher mit einer methodischen „Versuchsanordnung“ als Einleitung:

Im Rahmen der medizinhistorischen Lehre im Fach Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin (GTE) schrieben Medizinstudierende als Leistungsnachweis in Berlin, Heidelberg und München Faction über die Pest. Sie ließen also aus historischen facts ausdrucksstarke fiction entstehen. Vorausgegangen war in von den Herausgeberinnen geleiteten Seminaren, die Erarbeitung von Quellen zur Seuchengeschichte verschiedener Epochen, aus der sich die Studierenden „mit sekundärliteraturgeschärftem Blick und der gebotenen Quellenkritik detaillierte Kenntnis der jeweils zeitspezifischen Quellen verschaffen sollten“ (S.11).

Die Gliederung der aus den Seminaren entstandenen Texte in vier Kapitel folgt der historischen Einordnung der für dieses Projekt ausgewählten Sekundärliteratur und Quellen. Direkte Literaturverweise sind keine Bestandteile der Faction-Texte, jedoch erschließt sich die verwendete Literatur aus der Gesamtwirkung der Beiträge, der kunstvollen und anspruchsvollen Verflechtung von Fakten und Fiktionen. Um an dieser Stelle für den Leser die für eine differenzierte Beurteilung notwendige Transparenz zu erreichen, wurden die erarbeiteten Texte einer sorgfältigen Prüfung und Kommentierung durch renommierte Experten unterzogen.

Im ersten Kapitel „Antike“ wird die „Pest“ in Athen um 430 v. Chr. und in Konstantinopel 542 n Chr. Behandelt.

Bereits die Lektüre der ersten Geschichten zeigt die Vielfalt und Kreativität der Studierenden bei der Wahl der Perspektive und Form ihrer Berichterstattungen. Aus dem Blickwinkel eines spartanischen Spions, Berichten in Briefform und einem episch anmutenden Gedicht mit Versen in vollendet ausgearbeiteten Hexametern, werden dem Leser detaillierte Einblicke zum Ausbruch der „Pest“, ihren Symptomen und ihren Auswirkungen auf Lebensweise und Gesellschaft anschaulich eröffnet. Die Beiträge des zweiten Kapitels widmen sich der Beschreibung der „Pest" im spätmittelalterlichen Italien am Beispiel von Florenz um 1348. Als Quellen für die Faction–Texte wurden zeitgenössische Berichte von Boccaccio und Petrarca verwendet. Insbesondere deren Schilderungen des Auseinanderbrechens gesellschaftlicher Strukturen, bis hin zur Auslöschung ganzer Familien, sowie der ärztlichen Ohnmacht auf der Suche nach Heilmitteln, prägen die Beiträge der Studierenden, die wiederum besonders durch die Vielfalt der Erzählformen sehr spannend und abwechslungsreich sind.

Berichte über Pestepidemien im 17. und 18. Jahrhundert spannen schließlich den Bogen zur Neuzeit. Beiträge zur Erforschung und Entdeckung des Pesterregers, zum Teil erzählt aus der Perspektive wichtiger Protagonisten wie Yersin und Kitasato und zu Veränderungen im hygienischen Verständnis leiten hin zu düsteren Endzeitphantasien über neue, unkontrollierbare Pestausbrüche in der Gegenwart.

Mit Ihrem Lehrexperiment greifen die Herausgeberinnen eine Frage auf, die sich nach Veränderung der Approbationsordnung 2003/2004 und Schaffung des Querschnittsbereiches Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin (GTE) stellte:

Wie kann medizinhistorische Lehre möglichst anschaulich und begreifbar gemacht werden und den Anspruch erfüllen „die geistigen, historischen und ethischen Grundlagen ärztlichen Verhaltens“ [1] zu vermitteln?

Der von den Herausgeberinnen mit ihrem Lehrprojekt beschriebene Weg leistet hierzu einen Beitrag in mehreren Hinsichten: Die Verarbeitung von historischen Fakten in fiktionalen Texten erfordert eine voraus gegangene, intensive Beschäftigung mit den entsprechenden Quellen. Vergleicht man die zugrunde liegende Primärliteratur mit den vorliegenden Beiträgen, so spiegeln diese eine erhebliche Fülle von neuarrangierten, auf diese Weise interpretierten und neu in Kontext gesetzten Details wieder. Gleichzeitig kann die Auseinandersetzung mit der Medizingeschichte zur kritischen Betrachtung der heutigen ärztlichen Praxis anregen, wie ganz besonders die Faction-Texte aus dem letzten, „Neuzeit“- überschriebenen Kapitel, zeigen. So wird man zum Beispiel intuitiv durch die Beiträge zu Aspekten des staatlichen Umgangs mit Seuchenhygiene an die nicht lange zurückliegende Aufregung um die Schweinegrippe erinnert.

Techniken des kreativen Schreibens haben in den letzten Jahren zunehmend Einzug auch in wissenschaftliche Bereiche gefunden. Hervor zu heben sind die Methoden des „Reflective-“, oder „Point of View Writing“, die insbesondere im angloamerikanischen Raum in Curricula für Medizinstudierende integriert worden sind und auf die Fähigkeit des Perspektivenwechsels in der Arzt-Patienten-Begegnung zielen, also auf das Reflektieren des eigenen ärztlichen Handelns, als Grundlage für ein besseres Einfühlungsvermögen in die Erlebenswelt des Patienten.

Eben diese Möglichkeit des Perspektivenwechsels eröffnet auch die in diesem Lehrprojekt erarbeitete fiktionale Neubelebung der historischen Quellen.

Manfred Horstmanshoff, Professor für Geschichte der antiken Medizin an der Universität Leiden und selbst Verfasser eines Faction-Textes im vorliegenden Buch, formuliert zu dieser Schreibtechnik: „Faction ist eine Übung im historischen Verstehen, die einen Schritt weiter geht, als das reine Beobachten und Aufschreiben. Sie scheint mir ein ausgezeichnetes Training für Ärzte zu sein, die sich für ‚narrative based medicine’ interessieren, für eine Medizin also, die die Lebensgeschichte eines Patienten als Grundlage für seine Behandlung wählt.“ (S. 52).

Kommunikation und narrative Fähigkeiten gehören in der Arzt-Patienten Beziehung seit jeher zu den Kernkompetenzen eines Arztes. Ein diagnostisch tätiger Arzt sollte die Kunst der Kommunikationsführung und der Auswertung der ihm offenbarten Krankheits- und Lebensgeschichten beherrschen. Die Integration von kreativem Schreiben und Beschäftigung mit Literatur in die medizinische Ausbildung erscheint daher sinnvoll, denn die Interpretationen von Erzählungen in Medizin und Literatur sind in gewisser Weise vergleichbare Prozesse und eine gute Übung für die oben genannten Fähigkeiten.

Die Frage, inwieweit Geschichte frei erzählt werden und sie auch Literatur und somit Kunst sein darf, oder nur Gegenstand objektiver wissenschaftlicher Untersuchung sein kann, ist seit langem diskutiert worden und wird auch im Kommentar von Claudia Stein (Warwick) aufgegriffen. Doch die Prämisse des dargestellten Lehrexperimentes sollte es, wie die Herausgeberinnen in ihrem abschließenden Kommentar resümieren, nicht sein, Medizinstudierende zu Schriftstellern oder Historikern auszubilden, sondern ihnen einen neuen, kreativen Zugang zur innovativen und intensiven Auseinandersetzung mit medizinhistorischen Quellen zu eröffnen. Nach Lektüre der insgesamt 26 Faction-Beiträge kann festgestellt werden: Das Experiment ist ihnen gelungen.

Gekonnt wird der Leser, durch die einzelnen Epochen der medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisgeschichte der Pest geführt, und erhält vom magisch-animistischen bzw. göttlichen Ursachendenken und der Miasmenlehre bis hin zur Entdeckung des Erregers und aktuellen Implikationen von Krankheitsepidemien in unserer Zeit einen strukturierten Überblick.

Das sowohl didaktisch als auch wissenschaftlich fundierte Buch von Maike Rotzoll und Marion Hulverscheidt, beide Ärztinnen und Medizinhistorikerinnen mit viel Lehrerfahrung (Heidelberg und Berlin), ist nicht nur informativ und unterhaltsam, es kann auch als praxistaugliches „Handbuch“ für eine neue und sinnvolle Lehrform verstanden werden. Es richtet sich an Studenten, medizinhistorisch interessierte Leser und vor allem Lehrende in der Medizin- Wissenschafts- und Technikgeschichte und sollte als Anregung aufgefasst werden, medizinhistorische Lehre lebensnah und praxisgerecht umzusetzen.


Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass er keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel hat.


Literatur

1.
Mitgliederversammlung des Fachverbandes Medizingeschichte, Vorstand der Akademie für Ethik in der Medizin. Querschnittsbereich Geschichte, Theorie, Ethik der Medizin - Gemeinsames Grundsatzpapier des Fachverbandes Medizingeschichte und der Akademie für Ethik in der Medizin, Ulm: Universität Ulm; 2009. Zugänglich unter/available from: http://www.uni-ulm.de/uploads/media/Grundsatzpapier_GTE.pdf Externer Link