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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Familienfreundlichkeit in der medizinischen Aus- und Weiterbildung

Leitartikel Humanmedizin

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  • corresponding author Jörg M. Fegert - Universitätsklinikum Ulm, Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie, Ulm, Deutschland
  • author Hubert Liebhardt - Universitätsklinikum Ulm, Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie, Ulm, Deutschland

GMS Z Med Ausbild 2012;29(2):Doc38

doi: 10.3205/zma000808, urn:nbn:de:0183-zma0008086

Dieses ist die Originalversion des Artikels.
Die übersetzte Version finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2012-29/zma000808.shtml

Eingereicht: 21. März 2011
Überarbeitet: 6. April 2011
Angenommen: 16. Januar 2012
Veröffentlicht: 23. April 2012

© 2012 Fegert et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Leitartikel

Der vorliegende Sonderband der Zeitschrift für Medizinische Ausbildung entstand auf der Basis einer Tagung zum Thema „Familienfreundlichkeit in der medizinischen Aus- und Weiterbildung“ am 14. und 15. Oktober 2010 in Stuttgart. Diese wurde anlässlich der Darstellung der Ergebnisse der durch die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikum Ulm durchgeführten und durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg geförderten Studie zum Familienfreundlichen Studium in der Medizin in Baden-Württemberg veranstaltet. Anregung zu dieser Studie gab wiederum die 2008/2009 durch das Studiendekanat Medizin der Universität Ulm initiierte Pilotstudie zu Teilzeitmöglichkeiten im Medizinstudium. Wir freuen uns, in diesem Heft die Ergebnisse dieser Studien darstellen und somit einen Beitrag zu einer familienfreundlichen Studienorganisation in der Medizin leisten können. Unsere Kooperationspartner nehmen mit dieser Veröffentlichung ebenfalls die Möglichkeit wahr, ihre Vorschläge für Lösungen in der Praxis darzustellen.

Im ersten Beitrag des Heftes beschreibt die Parlamentarische Staatssekretärin Frau Widmann-Mauz die Aktivitäten des Bundesgesundheitsministeriums, das 2010 einen Runden Tisch „Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Gesundheitswesen“ eingerichtet hat. Die langfristige Bindung von medizinischen und pflegerischen Nachwuchs im Gesundheitswesen bedarf konkreter familienfördernder Maßnahmen aber auch flexible Rahmenbedingungen, die beispielsweise in Weiterbildungsordnungen oder Mutterschutzregelungen sichtbar und operationalisierbar werden.

Im zweiten Beitrag stellt Herr Ministerialdirektor Tappeser (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Baden-Württemberg) die Bedeutung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Wissenschaftspolitik insbesondere in der Gesundheitsforschung heraus. Die Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Familie gehört zu den wichtigsten Säulen der Gleichstellungspolitik des Wissenschaftsministeriums in Baden-Württemberg. Dazu gehören einerseits eine familienfreundliche Infrastruktur an den Hochschulen, andererseits karriere- und familienfördernde Programme, die einen Karriereknick von Ärztinnen verhindern.

In dem dritten Beitrag zeigen wir die grundsätzliche Problematik und Notwendigkeit für mehr Familienfreundlichkeit in der Medizin auf, indem aktuelle statistische Daten, bildungs- und gesundheitspolitische Handlungsfelder, aber auch Aufgaben für die Universitätsmedizin und für das Gesundheitswesen insgesamt beschrieben werden.

Im vierten Beitrag erörtert Herr Stutzer von der Familienforschung Baden-Württemberg die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Zukunftsfähigkeit des Gesundheitswesens und die daraus resultierenden Handlungsnotwendigkeiten. Er legt dar, dass Familienfreundlichkeit und gute Vereinbarkeitslösungen Faktoren für eine erfolgsversprechende Personalpolitik sein müssen. Dies belegt er an Beispielen aus dem Gesundheitswesen.

Im fünften Beitrag stellen Niehues, et al. ausgewählte Ergebnisse der baden-württembergischen Studie zur Familienfreundlichkeit im Medizinstudium vorstellen. Die Studie, in diesem Band als Originalarbeit vorgelegt, gibt u.a. Einblick in Überlegungen zum geringen Anteil studierender Eltern in der Medizin. Durch besondere Vereinbarkeitsproblematiken herausgefordert, kommen die Befragten aller fünf baden-württembergischen Medizinischen Fakultäten zu dem Schluss, dass Familienfreundlichkeit an ihrer Universität derzeit nur mittelmäßig zu bewerten ist. Der Beitrag zeigt anhand der empirischen Daten Problemfelder und Lösungsoptionen für die Universitäten auf.

Im sechsten Beitrag stellen Liebhardt et al. praktische Ansätze für ein familienfreundliches Medizinstudium der Universität Ulm vorstellen. Neben dem zentralen Familienservice gehört zur effektiven Beratung studierender Eltern ein systematisch vernetztes Beratungswesen mit flankierenden Instrumenten wie z.B. Studienverlaufsmonitoring, Elternpass oder Ausbildungsvertrag.

Im siebten Beitrag erläutert Frau Leiblein, Geschäftsführerin des Studentenwerks Heidelberg, die Dienstleistungen der Studentenwerke, insbesondere der Kinderbetreuungsangebote, am Beispiel des Studentenwerks Heidelberg.

In den folgenden Kurzbeiträgen wird die Podiumsdiskussion zum Thema „Wie viel Familienfreundlichkeit braucht die Medizin“ der Tagung zur Familienfreundlichkeit in der medizinischen Aus- und Weiterbildung des 14./15.10.2010 rekapituliert. Die Stellungnahmen der Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer Prof. Bitter-Suermann vom Medizinischen Fakultätentag (MFT), Frau Struck vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), PD Dr. Benninger von der Landesärztekammer, Prof. Müller-Schilling als Vertreterin der Lehrenden, Herr Strehl vom Verband Universitätsklinika Deutschland e.V. (VUD), Herr Schütze vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg und Frau Heinemann von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), die vor der Tagung von diesen verfasst wurden, können hier im Tagungsband nachgelesen werden.

Im neunten Beitrag fasst Dr. De Ridder von der CHE Consult GmbH als Moderatorin der Tagung die Ergebnisse zusammen und pointiert sieben Handlungsfelder, die u.a. am Tagungsworkshop intensiv diskutiert wurden. Sie kommt zum Schluss, dass es eine veränderte Sicht auf die Notwendigkeit einer familienorientierten Studien- und Arbeitsorganisation an Medizinischen Fakultäten, Kliniken und (Ausbildungs-)Krankenhäusern braucht, sodass „Family Life“ wirklicher Teil der „Work-Life-Balance“ werden kann.

Der zehnte Beitrag stellt ein Interview dar, das Frau Dr. De Ridder während der Tagung mit Frau Struck, der Referatsleiterin für Mutterschutz des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Bedeutung des Mutterschutzes geführt hat.

Im elften Beitrag beschreiben Frau Iden, Dr. Dittrich, Prof. Nürnberger und Dr. Sader, vom Studiendekanat der Medizinischen Fakultät der Goethe-Universität Frankfurt, das Frankfurter Modell einer „Individuellen Studienbegleitung“ und erläutern mittels einer kritischen Literaturanalyse und anhand qualitativ ausgewerteter Leitfadeninterviews die Situation studierender Eltern in der Medizin. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Studienverläufe insbesondere von studierenden Eltern passgenau organisiert und unterstützt werden müssen, damit die Dropout-Quote gering gehalten wird sowohl im Studium als auch bei der Facharztausbildung.

Im zwölften Beitrag werden Dr. Jerg-Bretze, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Ulm und Frau Limbrecht des Gleichstellungsreferates zusammentragen, welche Schwierigkeiten sich Ärztinnen und Ärzte mit Familienwunsch einerseits und potentielle Arbeitgeber andererseits stellen müssen.

Die folgenden fünf Beiträge schildern die aktuelle Situation in den fünf baden-württembergischen Medizin führenden Universitäten, die sich an der Studie zur Familienfreundlichkeit im Medizinstudium beteiligt haben. Die Studienergebnisse wurden standortspezifisch ausgewertet und in lokalen Workshops präsentiert und diskutiert. Die Studiendekane bzw. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studiendekanate bzw. einige Gleichstellungsbüros erläutern auf der Grundlage der Ergebnisse Überlegungen und Maßnahmen, die für die jeweilige Standortsituation relevant sind.

Eine Bilddokumentation rundet den Tagungsband visuell ab.

Als Fazit der Tagung und der hier vorliegenden publizierten Beiträge lässt sich zusammenfassen, dass die Diskussion von mehr Vereinbarkeit und Familienfreundlichkeit im Gesundheitswesen breiter wird. Gerade in der medizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung sind ganz unterschiedliche Schritte und Maßnahmen erforderlich. Fast überall ist erkannt worden, dass noch größere Anstrengungen für einrichtungsnahe Kinderbetreuung unternommen werden müssen. Allerdings darf sich die Debatte um Familienfreundlichkeit nicht auf den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen begrenzen. Angestoßen durch die gesellschaftlichen Werteveränderungen im Familienverständnis aber auch den steigenden Frauenanteil in der Medizin, setzen junge Arztfamilien heute deutliche Prioritäten bei der Qualität des Familienlebens und eine ausgewogene Work-Life-Balance. Diese lässt sich allerdings nicht dadurch steigern, dass die Kinder ausschließlich in Fremdbetreuung abgegeben werden. Junge Ärzte und Ärztinnen wollen nicht mehr nur ausschließlich für ihren Beruf leben, vielmehr braucht es im Arztberuf grundsätzliche Strukturveränderungen hinsichtlich besseren Zeitmanagements im klinischen Alltag. Diese Forderung beginnt bereits in der familiengerechteren Organisation des Medizinstudiums und mündet in einer verlässlichen Übergabekultur auf Station, Ambulanz sowie im Operationssaal. Arbeitszeitreduzierte Modelle im Arztberuf sind immer noch eher eine Seltenheit und primär Frauen- bzw. Müttersache, gerade weil in der ärztlichen Arbeitsorganisation derzeit keine Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden .Familienfreundlichkeit in der Universitätsmedizin, wie allgemein im Krankenhaus muss zur Führungsaufgabe werden, denn alle Beiträge belegen, dass, wenn sich nicht in absehbarer Zeit hier einiges verändert, die Medizin ein massives Nachwuchsproblem haben wird.


Danksagung

Wir danken dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, welches diese Arbeit ermöglicht hat Besonderer Dank gilt allen Autorinnen und Autoren für Ihre Textbeiträge und der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung für die Bereitschaft zur Publikation dieses Themenheftes.


Interessenskonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.