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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Praktische Ansätze für ein familienfreundliches Medizinstudium

Forschungsarbeit Familienmedizin

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  • corresponding author Hubert Liebhardt - Universitätsklinikum Ulm, Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie, Ulm, Deutschland
  • author Johanna Niehues - Universitätsklinikum Ulm, Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie, Ulm, Deutschland
  • author Jörg M. Fegert - Universitätsklinikum Ulm, Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie, Ulm, Deutschland

GMS Z Med Ausbild 2012;29(2):Doc32

doi: 10.3205/zma000802, urn:nbn:de:0183-zma0008020

Dieses ist die Originalversion des Artikels.
Die übersetzte Version finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2012-29/zma000802.shtml

Eingereicht: 15. März 2011
Überarbeitet: 25. Juli 2011
Angenommen: 22. September 2011
Veröffentlicht: 23. April 2012

© 2012 Liebhardt et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Auf der Grundlage der durch das Studiendekanat Medizin der Universität Ulm durchgeführten Pilotstudie zur familienfreundlichen Studienorganisation der medizinischen Ausbildung in Ulm werden in diesem Beitrag konkrete Maßnahmen, die an der Universität konzipiert bzw. zum Teil bereits umgesetzt wurden, beschrieben.

Flexibilisierung und Individualisierung sind dabei wesentliche Merkmale und Voraussetzungen eines familienfreundlichen Medizinstudiums im Rahmen universitärer Ausbildungsstrukturen. Flexibilität und Individualisierung können dadurch erreicht werden, dass Stundenpläne und Studienordnungen so gestaltet werden, dass sowohl Kinderbetreuung gesichert ist, als auch in Notfällen schnell und unbürokratisch Hilfe angeboten werden kann.

Zur Flexibilisierung gehören u.a. adäquate, individuelle Kompensationsmöglichkeiten von Anwesenheitspflicht und Prüfungsterminen. Dafür erforderliche Bewusstseinsveränderung und Kooperationsbereitschaften beim Führungs- und Lehrpersonal können durch das Audit zur Familienfreundlichkeit „berufundfamilie“ bzw. „familiengerechte hochschule“, sowie ein strategisches Managementinstrument einer familienbewussten Unternehmenspolitik, gefördert werden.

Unterstützende Instrumente, wie ein effektiv vernetztes Beratungswesen, ein datengestütztes Studienverlaufsmonitoring, die Ausgabe eines Elternpasses mit einem semesterübergreifenden Ausbildungsvertrag, die Schaffung von mehr Austausch zwischen studierenden Eltern bzw. anderen Studierenden durch eine Elterncommunity bzw. durch Lerntandems und schließlich die verlässliche Aufklärung und Einhaltung der Mutterschutzregelungen für schwangere und stillende Medizinstudentinnen flankieren ein gelingendes Studium mit Kind(ern).

Schlüsselwörter: Karriereplanung, Familienforschung, Familienfreundlichkeit, Medizinstudium, Vereinbarkeit


Einleitung

Im vorliegenden Beitrag werden konkrete Maßnahmen beschrieben, die auf der Grundlage der Ulmer Pilotstudie zum Medizinstudium mit Kind(ern) [1] und der Baden-Württemberg Studie zum familienfreundlichen Studium in der Medizin [2], [3], [4] in Kooperation mit dem Kompetenznetz Lehre Baden-Württemberg (http://www.medizin-bw.de) [5] und im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg entwickelt und exemplarisch an der Universität Ulm konzipiert und zum Teil bereits umgesetzt wurden.

Trotz hoher curricularer und familiärer Belastungen ist ein Medizinstudium mit Kind(ern) durchaus realisierbar [6], [7]. Es müssen allerdings verbindliche und nachvollziehbare Lösungsansätze zur Flexibilisierung des Curriculums und Kompensation von Lehr- und Prüfungsleistungen gegeben sein. Konkrete Maßnahmen, die einer dringenden Umsetzbarkeit bedürfen, sind dafür unter anderem die Sensibilisierung der studierenden Eltern für universitäre Beratungsleistungen, eine individuelle und flexible Planung des Semesters in Form von individuellen Studien- und Familienleistungen, ein individuelles Verlaufsmonitoring [8], [9], die Verlegung der Pflichtkurse in die Kernarbeitszeit sowie die Ausweitung der Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen. In summa: das Studium muss individualisierter und flexibler gestaltbar werden.

Auch der wissenschaftliche Beirat für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend widmet in der 2. Auflage des Gutachtens „Ausbildung, Studium und Elternschaft“ der Hochschulmedizin ein Kapitel und weist mit Dringlichkeit darauf hin, dass mehr familienfreundliche Maßnahmen im Gesundheitswesen erforderlich sind [10]. Im Gesundheitswesen, insbesondere für die dringende Nachwuchsförderung in der Medizin, sind die Weichen für die Familienfreundlichkeit und die Vereinbarkeitsfrage bereits in der medizinischen Ausbildung zu stellen [11]. Die Politik, das Hochschulmanagement und die Universitätsmedizin in Deutschland sind gleichermaßen gefordert, durch den Ausbau von Serviceleistungen, vor allem auch im letzten Drittel des Medizinstudiums, verlässliche, flexible und individuelle Lösungen anzubieten [12]. Auch in den europäischen Nachbarländern werden die Schwierigkeiten bezüglich Vereinbarkeit von Arztberuf und Familie diskutiert [13], [14], [15], [16].


Auditierung „Familienfreundlichkeit“

Seit 2008 sind die Universität als auch das Universitätsklinikum Ulm nach dem Audit „familiengerechte hochschule“ bzw. „berufundfamilie“ der berufundfamilie gGmbH der Hertiestiftung (http://www.berufundfamilie.de) zertifiziert sowie 2011 reauditiert worden. Erste Erfahrungen in Ulm zeigen, dass die Auditierung kontinuierliche Bewusstseinsveränderungen angestoßen hat, auch wenn noch nicht alle geplanten Maßnahmen zur Verbesserung, beispielsweise der Kinderbetreuungsinfrastruktur, umgesetzt werden konnten (http://www.uniklinik-ulm.de/struktur/karriere/stellenangebote/audit-beruf-und-familie.html). Die Auditierung bringt sowohl die universitäre Leitungsebene als auch die betroffenen Eltern, ob Studierende oder Mitarbeitende, in eine günstigere Ausgangslage, konzeptuelle Umsetzungen zu ermöglichen, unterstützende Maßnahmen zu formulieren bzw. entsprechende Finanzierungshilfen zu erhalten.

Eine Internetrecherche der Medizin führenden Universitäten in Deutschland zeigt, dass Universitäten zwar zu 66,7%, Universitätsklinika aber nur zu 30,6% auditiert sind. Karriereberatungsstellen (91,7%) bzw. Familienservicestellen (83,3%) sind an den Universitäten eher vorhanden als an Universitätsklinika (11,1%) (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]). Auffällig ist, dass an den Universitäten für Kinder aller Altersgruppen zwar vielseitige Betreuungsangebote bestehen, familienfreundliche Maßnahmen, wie z.B. Wiedereinstiegsprogramme, flexible Arbeitszeiten, arbeitszeitreduzierte Modelle oder Telearbeitsmöglichkeiten aber kaum vorhanden sind. Von den 77 Akademischen Lehrkrankenhäusern in Baden-Württemberg haben nur vier Kliniken das Zertifikat „berufundfamilie“ (5,2%); nur vereinzelt werden betriebseigene Kinderbetreuungsstätten angeboten (siehe Abbildung 2 [Abb. 2]).


Netzwerk „Beratung studierender Eltern“

Universitäre Beratung studierender Eltern beschränkt sich nicht mehr nur auf die von der Hochschule angebotenen Dienste, sondern erfährt eine zunehmende Ausweitung hin zur Bedarfsorientierung auch für Einzelpersonen. Auffällig ist, dass die Hochschule von einer Vielfalt an Beratungsleistungen und Zuständigkeiten geprägt ist, die für die Betroffenen oftmals nicht transparent und selbsterklärend sind. Der Beratungsbedarf studierender Eltern oder schwangerer Studentinnen umfasst z.B. eine Vielzahl von Themenkomplexen. Themen der Beratung sind Fragen zur Kinderbetreuung, zu curricularen Angelegenheiten, zur Teilbarkeit des Studiums, zur Studienfinanzierung, zu rechtlichen Angelegenheiten, zu Schwangerschaft und Mutterschutz, sowie zur Wohnungssuche [1], [2], [17], [18], [19].

Die entsprechenden Beratungs- wie Entscheidungskompetenzen und Hilfsangebote liegen zentral bei den jeweiligen Fachdiensten. Problematisch ist dabei vor allem, dass Beratungsleistungen mit konkreten - aber anderen Ortes lokalisierten - Hilfs- und Dienstangeboten (z.B. Einteilungshilfen, Bescheinigungen) verknüpft sind, wodurch weite Laufwege entstehen können. Eine zentrale Clearing-Stelle, beispielsweise die Verwaltungsstelle der Studiengebühren, könnte die Funktion eines Lotsen übernehmen (siehe Abbildung 3 [Abb. 3]), wobei die Dienste stärker miteinander vernetzt, fachliche Zuständigkeiten klar abgegrenzt, Sprechzeiten synchronisiert und räumliche Zusammenlegungen punktuell, beispielsweise für „Elternsprechstunden“, ermöglicht werden sollten. Die Transparenz der Dienste nach außen sollte gewährleistet sein. Ein in dieser Hinsicht richtungsweisender Familienservice wurde jetzt an der Universität Ulm etabliert, der als Schnittstelle zwischen den verschiedenen universitären und außeruniversitären Partnern fungiert.

Beratung sollte des Weiteren evidenzbasiert erfolgen, was bedeutet, dass auf der Grundlage empirisch erfasster Befunde Entscheidungen zum weiteren Studienverlauf geschehen müssen [20]. Die im Folgenden dargestellten ersten Umsetzungsversuche in der medizinischen Studienfachberatung haben sich bereits bewährt, indem die Nachfrage nach Beratungsgesprächen zugenommen hat. Empirische Grundlagen ermöglichen es dabei, Studierende mit Kind(ern) bzw. mit Kinderwunsch so zu beraten und ggf. einzuteilen, dass eine Familiengründung schon während des Studiums möglich werden kann.

Das Studium der Medizin mit einem hohen Verschulungsgrad ist sehr starr und unflexibel [1]. Den Studierenden bleiben kaum Spielräume für individuelle zeitliche oder inhaltliche Schwerpunktsetzungen. Die Studienplanung wird auch dadurch erschwert, dass die konkreten Informationen zu den jeweiligen Semestern (z.B. Rotationspläne, Einteilungen) erst kurzfristig bereitgestellt werden. Für die Vereinbarkeit von Studium und Familie sind jedoch längerfristige Planungsabschnitte erforderlich. An der Medizinischen Fakultät in Ulm wird Studierenden mit Kind(ern) routinemäßig bereits seit 8 Jahren eine vorgezogene Kurseinteilung angeboten.


Studienverlaufsmonitoring

Das Konzept des Studienverlaufsmonitoring [8] beschreibt ein Instrument zur Begleitung individueller Studienverläufe, das sich an den Lebenslagen der Studierenden orientiert [21] (siehe Abbildung 4 [Abb. 4]).

Angelehnt an Pixner [22] wird in Ulm ein IT-gestütztes Monitoring (Notenverwaltungssystem, Online-Anmeldesystem Corona) durchgeführt. Eine Beobachtung von Studienverläufen durch die Studienfachberatung und die Bemessung des Arbeitsaufkommens im Studium sind aufgrund steigender „Verschulung“ des Studiums, der Zunahme des Fächerspektrums in der Medizinausbildung, sowie der raschen curricularen Veränderungen notwendig geworden. Ein systematisches Studienverlaufsmonitoring kann helfen, die Individualberatung von Studierenden mit Kind(ern) durch die Studienfachberaterinnen und -berater bezogen auf die Komplexität und Vernetztheit der Lebens- und Studiensituation zu verbessern.

Beratung sollte eine lebensbegleitende Perspektive einnehmen und die Ziel- bzw. „Risikogruppen“ mit ihren bestimmten Problemlagen stärker berücksichtigen [23].

Eine evidenzbasierte Längsschnittberatung bietet hier den studierenden Eltern eine kontinuierliche Supervision über den gesamten Studienverlauf durch die Studienfachberatung an. Das freiwillige Studienverlaufsmonitoring für studierende Eltern basiert auf einer fundierten Analyse der Studienverlaufsdaten (Erfassung von Daten zur Lebenssituation: Angaben zur Person, Angaben zu Kind(ern), Wohnort, Anfahrtsdauer, familiäre und institutionelle Kinderbetreuung, bevorzugte Kurszeiten, leistbarer Kursumfang, Leistungsniveau, kurzfristige, mittelfristige und langfristige Zeitbudgetplanung u.a.) und beinhaltet semesterweise ein Begleitgespräch. Der Studienverlauf, darunter ist die Teilnahme an Pflichtlehrveranstaltungen und Prüfungen zu verstehen, wird bedarfsorientiert gesteuert und individuell angepasst, so dass die Studienbelastung mit Familienpflichten verträglich ist.


Elternpass

Der Elternpass ist eine Chipkarte, die allen studierenden Eltern zur Verfügung gestellt werden könnte (siehe Abbildung 5 [Abb. 5]).

Mit dem Elternpass können der Zugang zu infrastrukturellen Vergünstigungen und organisatorische Hilfestellungen erleichtert werden. Universitäre Dienstleistungen für Familien (z.B. Nutzung von Familienparkplätzen, Mitbenutzung des Klinikshuttles, elektronische Türöffnung für Familienzimmer, Ausnahmeregelungen der Prüfungsordnung, vorgezogene Kursanmeldung, Lerntandem-Vermittlung), können in bevorzugter Weise in Anspruch genommen werden. Dem Elternpass sollte eine detaillierte Darstellung der Sonderbedingungen für studierende Eltern beigelegt werden, welche die Lehrenden und übrige universitäre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über die besondere Situation der studierenden Eltern aufklärt und Handlungsrichtlinien zur Problemlösung bietet. Außerdem könnte bei Konfliktsituationen im Lehrbetrieb ein Elternpass helfen, die Rechte von studierenden Eltern klarzustellen. Familienfreundlich wird eine Universität erst dann, wenn Familien auf dem Campus zur Selbstverständlichkeit geworden sind und Studierende mit Kind(ern) nicht mehr als „Bittsteller“ auftreten müssen. Das Konzept „Elternpass“ wird derzeit in den zuständigen Stellen an der Universität Ulm evaluiert und diskutiert.


Fakultätsinterner „Ausbildungsvertrag“

Als weitere Unterstützung des Studiendekan(at)s kann ein fakultätsinterner „Ausbildungsvertrag“ zwischen Studierendem und Studiendekan, basiert auf den Daten des Studienverlaufsmonitorings, abgeschlossen werden. Ein Ausbildungsvertrag wird jeweils für ein Studienjahr und im Bedarfsfall auch über einen längeren Zeitabschnitt (Studienabschnittsplanung) vereinbart. Mit längerfristigen Ausbildungsverträgen erhalten Studierende eine definitive Planungssicherheit für den Studienverlauf beispielsweise für Famulaturen, Praktika, Doktorarbeit oder familiäre Angelegenheiten (z.B. Kinderbetreuungswechsel mit Partner oder Großeltern, Schuleintrittsphase). Sonderkonditionen für studierende Eltern sind jedoch nur im Einklang mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz zu vertreten, denn Anforderungen an Anwesenheitspflicht oder Prüfungsleistungen müssen für alle Studierenden gleichermaßen gelten.


Mutterschutzrichtlinien und Aufklärungsarbeit

Unsere Studien [1], [2] haben gezeigt, dass die Universitäten und die Universitätsklinika in Baden-Württemberg bisher keine standardisierten Mechanismen oder Beratungsangebote zur Einhaltung des gesetzlichen Mutterschutzes für studierende Eltern in der Medizin haben, auch wenn der Gesetzgeber klare Vorgaben zu Mutterschutzbestimmungen im Studium erwartet (§ 3 Abs. 1, § 6 Abs. 1 des Gesetzes zum Schutz der erwerbstätigen Mutter (Mutterschutzgesetz - MuSchG) und § 15 Abs. 1 bis 3 des Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes (BGBl)). In Zukunft sollten alle Studentinnen zu Beginn und im Laufe ihres Studiums über die Gefährdungen in der Schwangerschaft bzw. Stillzeit im medizinischen Bereich aufgeklärt werden [24] z.B. Gefahrenstoffe in praktischen Übungen. Für schwangere Studentinnen im Praktischen Jahr hat das Universitätsklinikum Ulm bereits ein analoges Verfahren zu dem für schwangere Ärztinnen entwickelt (siehe Abbildung 6 [Abb. 6]).

Kritisch betrachtet werden die gesetzlichen Mutterschutzbestimmungen vom Deutschen Ärztinnenbund, denn sie sprächen ein pauschales Tätigkeitsverbot aus und ließen keine individuelle Risikoreduktion zu [10], was teilweise auch für medizinische Praktika zutrifft. Im Falle der Schwangerschaft einer Studentin sollte daher, um eine zu rigide und überzogene Auslegung des Mutterschutzes zu verhindern, eine universitäre Schwangerschaftsberatung evtl. in Kooperation mit der Schwangerschaftsberatungsstelle der Stadt Ulm erfolgen, in der auch über die relevanten Gefährdungsbeurteilungen für jeden Arbeitsbereich aufgeklärt wird. Diese liegen dem Universitätsklinikum als Ressource vor. Eine systematische Aufklärung durch die Studienfachberatung erfolgt über die jährlich zentral organisierte Sicherheitsbelehrung und -beratung und anhand eines Leitfadens zu Mutterschutzbestimmungen. Eine Informationsplattform (Lernplattform Moodle) mit Informationen zu Limitationen in der Ausbildung durch das gesundheitliche Risiko in der Schwangerschaft steht Studierenden und Lehrenden zur Verfügung (https://www.lernplattform.medizin.uni-ulm.de/moodle).


Elterncommunity

Studierende Eltern kämpfen oftmals mit Kontaktverlust zu Kommilitoninnen und Kommilitonen, wobei dies stark von der Individualität und der jeweiligen Lebenssituation der einzelnen Person abhängig ist [1]. Gründe hierfür liegen einerseits in der Einschränkung des „typischen Studentenlebens“ und den durch die Familiengründung verursachten Rückzug auf familiäre Pflichten. Andererseits finden die Studierenden mit Kind(ern), meist älter als der Durchschnitt aller Medizinstudierenden [1], weniger Anschluss an die jüngeren, in der Regelzeit Studierenden und werden durch die Familienphase aus ihrer ursprünglichen Studierendenkohorte abgetrennt, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt das Studium wieder aufnehmen. Familienorientierte Lerngruppen entwickeln sich eher im universitär-familiären Umfeld, beispielsweise durch Begegnungen am Rande der Kinderkrippe beim Abholen oder Bringen des Kindes/der Kinder [1].

Die Entwicklung einer „Elterncommunity“ ist beispielsweise denkbar durch Bildung eines „UniUlm-Familiennetzes“, das als Begegnungsstätte von Studierenden aber auch Angestellten mit Kind(ern) dienen könnte. Zudem könnten Veranstaltungen für Familien an der Universität angeboten werden („UniUlm-FamilyDay“). Eine Elterncommunity könnte auch dazu beitragen, die soziale Einbindung an das universitäre Leben zu verbessern und Barrieren auch von Studierenden ohne Kinder abzubauen.

Neben familienorientierten Veranstaltungen ist der Aufbau einer Internet-Begegnungsstätte wünschenswert. Auf der Lernplattform Moodle wurde für Medizinstudierende mit Kind(ern) ein Chatforum eingerichtet, auf der der Austausch unter Studierenden mit Kind(ern) oder Studierenden mit Kinderwunsch gefördert wird.


Lerntandembörse: Lernbegleitung in den Übergängen

Eine kritische Studienphase stellen Übergänge dar, die bei studierenden Eltern durch eine mögliche Unterbrechung des Studiums oder nach einer Berufsausbildung aufgrund der Familienphase zustande kommen. Der Einstieg in ein akademisches Studium mit den universitären Lehr- und Lernformen ist insbesondere für Studierende, die eine andere berufliche Ausbildung vor dem Studium absolviert haben [1], [2], eine schwierige Phase, vor allem auch dann, wenn bereits Kinder vorhanden sind. Studierenden Eltern sollte daher eine Lernbegleitung in solchen Wiedereinstiegsphasen angeboten werden. Denkbar sind Lerntandems zwischen Studierenden mit und ohne Kind(er). Selbstorganisierte studentische Lerngruppen sind sehr zeitintensiv und erfordern terminliche Absprachen, die studierende Eltern bei einer größeren Lerngruppe nicht einhalten können. Das Modell „Lerntandem“ hätte den Vorteil, dass Termine zwischen zwei Personen leichter vereinbar sind, die Tandems flexibel koordiniert werden können und auch über das Lernen hinaus sich gemeinsam die Aufgaben im Studium geteilt werden können. Idealerweise wäre das Ergebnis eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Das Konzept „Lerntandem“ ist derzeit noch nicht realisiert.


Informationsplattform für Ausbildungsstätten

Wird im Internet mit http://www.google.de nach dem Stichwort „Studieren mit Kind“ gesucht, so finden sich ca. 187.000 Ergebnisse, eine Reihe von privaten Beratungsinitiativen neben den Informationsangeboten der Hochschulen, Studentenwerke und Ministerien. Einschlägige Webseiten sind in Abbildung 7 [Abb. 7] zusammengefasst.

Alle aufgeführten Internetplattformen informieren die Zielgruppe „Studierende mit Kind(ern)“ rund um die Vereinbarkeit von Studium und Familie mit Themen zur Finanzierung und staatliche Förderung, zur Kinderbetreuung, zum Beratungswesen sowie zu gesetzlichen Regelungen (z.B. Beurlaubung, Fristverlängerungen). Speziell für die Medizin bieten Via Medici (http://www.thieme.de/viamedici/medizinstudium/studium_kind/) und vereinzelte Medizinische Fakultäten, z.B. Berlin, Hannover, Frankfurt, Köln, Ulm ausführliche Informationen zum Medizinstudium mit Kind an. Die Google-Suchergebnisse [8.070 Treffer, 25.02.2011] nach „Medizinstudium mit Kind“ verweisen mehrfach auf die Initiative der Universität Ulm und deren Publikationen.

In Kooperation mit dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg soll bis Juli 2011 eine Internetplattform zum Studieren mit Kind(ern) in den Gesundheits- und Naturwissenschaften speziell für die Zielgruppen „Ausbildungseinrichtungen und Lehrende“ auf der Grundlage der bereits bestehenden ministeriellen Studierendeninformationsplattform (http://www.studieren-mit-kindern.de/) aufgebaut werden. Inhalte der Plattform umfassen die medizinisch-naturwissenschaftlichen Besonderheiten, die zu beachten sind (u.a. Mutterschutzbestimmungen und Gefährdungen in der Schwangerschaft, Gefährdungsbeurteilungen eines (klinischen) Praktikums, z.B. Stationsarbeit, OP-Betrieb). Außerdem sollen Fragen zur curricularen und rechtlichen Ausgestaltung eines familienfreundlichen Lehr- und Forschungsbetriebs erörtert werden, denn vor allem in der Medizin, wo meist das zeitintensive Studium mit Forschungsaktivitäten im Rahmen einer Doktorarbeit kombiniert wird, braucht es flexible und individuelle Lösungen, die auf einer Plattform exemplarisch beschrieben werden können.


Curriculare und rechtliche Abwägungen

Curriculare Probleme für studierende Eltern ergeben sich durch den hohen Verschulungsgrad und den starren Wochenstundenplan. Veranstaltungen oder Prüfungen an den Rändern der Kernzeiten (9.00-16.00 Uhr) erschweren die Organisation der Kinderbetreuung. Zwei Drittel der befragten studierenden Eltern wünschen Vormittagsunterricht [1], [2]. Klinische Blockpraktika sind meist als ganztägige und nicht in Teilzeit absolvierbare Praktika organisiert. Zeitlich isolierte, ohne an Pflichtveranstaltungen angebundene Vorlesungen erschweren das Studium genauso wie stundenweise freie Zeitfenster im Tagesverlauf. Meist vorklinische Kurse finden durch die feststehenden Versuchsaufbauten an wechselnden Wochentagen im Rotationsprinzip statt und machen Kinderbetreuung schwerer realisierbar. Kurspläne und Einteilungslisten werden knapp vor Semesterbeginn veröffentlicht. Wünschenswert ist eine Bekanntgabe zum Ende des Vorsemesters. Eine vor allem für den theoretischen Unterricht geeignete Methode, ist der Einsatz von webbasiertem Lernen. An der Universität Ulm werden mittlerweile vielfach Vorlesungsaufzeichnungen angefertigt, die zugangsbeschränkt über die Lernplattform Moodle zugänglich sind.

Die in der Studienordnung vorgegebene Semesterreihenfolge und Zugangsvoraussetzungen zu Lehrveranstaltungen verzögern u.U. das Studium, wenn Eltern nicht alle Veranstaltungen in der vorgegebenen Reihenfolge im vollen Umfang absolvieren können. Die vorgeschriebene Mindestanwesenheitspflicht bringt studierende Eltern, gerade in Notfallsituationen, z.B. bei Krankheit des Kindes, in Schwierigkeiten. Eine alternative Lösung sind Kompensationsmöglichkeiten in Form von Nachholmöglichkeiten von Fehlterminen oder Prüfungsleistungen. Die Fehlzeitregelung im Praktischen Jahr mit maximal 20 Fehltagen berücksichtigt nicht die Krankheitstage für Kinder, wie im SGB Fünftes Buch §45 für versicherungspflichtige Beschäftigte vorgeschrieben (10 Tage bzw. 20 Tage bei Alleinerziehenden). Schließlich sind die nicht-universitären Ausbildungsteile (Pflegepraktikum, Famulatur) nur in den Semesterferien und nicht in Teilzeit absolvierbar (ÄAppO §6,1 und §7,4).


Fazit

Die Stichworte eines familienfreundlichen Curriculums sind Flexibilisierung und Individualisierung von Studienabläufen. Verschiedene flankierende Maßnahmen erleichtern die Vereinbarkeit von Medizinstudium und Familie, ohne die inhaltlichen Studienanforderungen für studierende Eltern zu minimieren. Neben der Verbesserung der Infrastruktur der Beratungsdienste mit verlässlichen Instrumenten, wie. z.B. Elternpass, Studienverlaufsmonitoring, Ausbildungsvertrag etc., und der Kommunikationsstruktur studierender Eltern (z.B. Elterncommunity via Internet, Lerntandems) sollten die Wochenstundenpläne modifiziert werden. Alternativgruppen in Kernzeiten, idealerweise vormittags, sollten routinemäßig angeboten werden. Eine frühzeitige Bekanntgabe von Rotationsplänen macht eine Planung der Vereinbarkeit verlässlich. Eine Kompensationsregelung für Fehlzeiten oder Prüfungsleistungen erhöht die Flexibilität und sollte in den Studienordnungen explizit benannt werden. Schließlich ist das Audit zur Familienfreundlichkeit sehr zu empfehlen, wenn die Bildungsträger in der Universitätsmedizin eine Bewusstseinsänderung, die auch an die traditionellen Rollenverteilungen rüttelt, zulassen möchte.


Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

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