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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Vereinbarkeit von Studium und Familie: Ansätze an der Medizinischen Fakultät Mannheim

Kommentar Humanmedizin

  • corresponding author Jutta Becher - Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, GB Studium und Lehrentwicklung, Mannheim, Deutschland
  • author Harald Fritz - Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, GB Studium und Lehrentwicklung, Mannheim, Deutschland
  • author Eva Neumaier-Probst - Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, Gleichstellungsbeauftragte, Mannheim, Deutschland
  • author Antonia Scheib-Berten - Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, Gleichstellungsbüro, Mannheim, Deutschland

GMS Z Med Ausbild 2012;29(2):Doc16

doi: 10.3205/zma000786, urn:nbn:de:0183-zma0007869

Dieses ist die Originalversion des Artikels.
Die übersetzte Version finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2012-29/zma000786.shtml

Eingereicht: 19. April 2011
Überarbeitet: 10. August 2011
Angenommen: 13. Februar 2012
Veröffentlicht: 23. April 2012

© 2012 Becher et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Die Vereinbarkeit von Studium oder Beruf mit Kindern gewinnt zunehmend an Bedeutung. Das hat zum einen damit zu tun, dass es Menschen beiderlei Geschlechts wichtig ist, aktiv Zeit mit ihren Familien, mit ihren Kindern zu verbringen. Hinzu kommt, dass immer mehr Frauen Medizin studieren: Mehr als die Hälfte der Studienbeginner sind heutzutage weiblich. Viele dieser jungen Frauen möchten, ebenso wie ihre männlichen Kommilitonen, beizeiten Familien gründen. Die Möglichkeit, Studium und Kinder zu vereinbaren, ist gerade in der Lebensphase „Ausbildung“ entscheidend.

Die Medizinische Fakultät Mannheim erkennt hier Handlungsbedarf und möchte den damit verbundenen Herausforderungen an Beratung, Studienkonzeption und Infrastruktur aktiv begegnen. Vorliegender Beitrag stellt die derzeitigen Maßnahmen dar, die die Fakultät in enger Zusammenarbeit zwischen Gleichstellungsstelle, Studiendekanat und Klinikum derzeit etabliert bzw. bereits eingerichtet hat, um einen erfolgreichen Studienverlauf auch vor dem Hintergrund der zusätzlichen Herausforderung „Kind“ zu ermöglichen. Dazu gehören individuelle Beratungen zur Studienorganisation und Informationen über Unterstützungsangebote ebenso wie infrastrukturelle Maßnahmen und eine Intensivierung der Kooperation verschiedener Abteilungen.

Schlüsselwörter: Informations- und Beratungsleistungen, Studienorganisation, Infrastruktur, Kinderbetreuung, Curriculum, Frauen, Kind, Kinder, Familie, Ausbildung, Studium, Medizin, Krippe, Finanzen, Schwangerenberatung, Unterstützung, Eltern, MaReCuM, Medizinstudium


Einleitung

Medizinstudium mit Kind – kaum möglich, war noch vor wenigen Jahren die weit verbreitete Ansicht. Uni-Alltag und Familienbedürfnisse galten und gelten auch heute noch als weitgehend unvereinbar. Zugegeben: Ein kleines Kind erleichtert nicht gerade die Studienorganisation. Muss man doch zu dem ohnehin schon anspruchsvollen Curriculum inklusive Lernstoff und Prüfungen nun auch noch den Bedürfnissen des Nachwuchses gerecht werden. Das erfordert ein hohes Maß an Organisation. Wo kann ich mein Kind betreuen lassen? Was mache ich, wenn das Baby Fieber hat, ich aber zur Vorlesung oder gar zur Prüfung muss? Wie kann ich meinen Stundenplan vor dem Hintergrund dieser besonderen Anforderungen gestalten? Fragen, mit denen sich junge Väter und Mütter im Studium nun zusätzlich auseinandersetzen müssen.

Die Medizinische Fakultät Mannheim will dabei Unterstützung leisten. Denn die Vereinbarkeit von Familie und Studium bzw. Beruf ist eine zentrale Anforderung, der sich die Medizinische Fakultät verschrieben hat.

Verschiedene Maßnahmen hat die Fakultät deshalb in der jüngeren Vergangenheit bereits ergriffen, weitere sind in Planung.

Diese familienfreundlichen Maßnahmen werden unter den folgenden Themengruppen näher beschrieben:

  • Informations- und Beratungsleistungen
  • Studienorganisation
  • Infrastruktur / Kinderbetreuung
  • Kontakte und Synergien

Informations- und Beratungsleistungen

Informationen

Studierende mit Kind sind willkommen: Das betont die Fakultät bereits auf ihrem Internetportal. Studierende werden auf der Homepage über die Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie hingewiesen. Zudem wurden erste Erweiterungen und Verlinkungen auf der Page vorgenommen. Informationen für Studierende mit Kind werden in einer eigenen Rubrik des Portals zusammengefasst, die über die zentrale Adresse http://www.umm.uni-heidelberg.de/studium/ leicht zu finden ist.

Derzeit wird eine Broschüre erarbeitet, die das Thema aufgreift und AnsprechpartnerInnen nennt sowie erste Informationen zusammenfasst. Darüber hinaus wurden Folien zusammengestellt, die vor Seminaren und Vorlesungen in den Unterrichtsräumen projiziert werden können und so die Studierenden auf die verschiedenen Beratungs- und Informationsangebote aufmerksam machen.

Beratung

Die individuelle Studienberatung im Zusammenhang mit Vereinbarkeit von Studium und Familie findet im Sinne einer vernetzten Beratung statt.

In enger Absprache zwischen dem Studiendekanat (hier: Referentin für Studienbegleitende Programme) und dem Gleichstellungsbüro (hier: Referentin für Gleichstellungsfragen) und unter Einbindung der Fachschaft werden Studierenden dabei ab Studienbeginn und durchgängig bis zum Studienabschluss verschiedene Beratungsformen (von niederschwelliger Information bis hin zur Individualberatung) angeboten.

Zunächst können über die Homepage interessierte Studierende komplikationslos unmittelbar die Ansprechpartnerinnen finden, an die sie sich mit Fragen wenden können. So kann bei Fragen zu finanziellen und sozialen Themen (Studienfinanzierung, Kinderbetreuung) das Gleichstellungsbüro weiterhelfen oder seinerseits an AnsprechpartnerInnen der zuständigen Stellen (Jugendamt, Agentur für Arbeit, Sozialamt) verweisen, bei Fragen zu Studium und Curriculum wiederum hilft das Studiendekanat. Die jeweiligen Fachkompetenzen werden an den entsprechenden Stellen deutlich gemacht. Beide Bereiche, Studiendekanat und Gleichstellungsstelle, arbeiten zusammen und sind engmaschig miteinander vernetzt. Schnittstellenfehler werden so durch die vertrauensvolle Hand-in-Hand-Arbeit vermieden. Eine Evaluation der Beratungsanfragen und deren Bearbeitung ist angedacht.

Die Bewerbung bereits bestehender Angebot der psychosozialen und sozialrechtlichen Beratung des Gleichstellungsbüros wird intensiviert.

Es werden angeboten:

  • Schwangerenberatung
  • Weiterverweisung zur Schwangerenkonfliktberatung
  • niederschwellige psychosoziale Begleitung bei Lebenskrisen rund um Schwangerschaft und Elternschaft (ggf. in Zusammenarbeit mit dem Studiendekanat Weiterverweisung an das kooperierende psychiatrische Team am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit)
  • Unterstützung bei der Suche nach geeigneter Kinderbetreuung
  • Information rund um finanzielle Hilfen bei Schwangerschaft und Elternschaft
  • Weiterverweisung an Fach-Beratungsstellen (Caritas, pro familia)
  • Beratung zum Thema Vereinbarkeit von Studium und Angehörigenpflege
  • Aushändigung von Informationsmaterial

Studienorganisation

Individuelle Studienorganisation

Um es jungen Vätern und Müttern zu ermöglichen, ihr Studium möglichst reibungslos fortzuführen, bietet das Studiendekanat Studierenden mit Kind eine individuelle Studienberatung. Der Studienverlauf wird dabei so weit wie möglich mit den individuellen Bedürfnissen und Anforderungen abgestimmt und damit die gegebene Flexibilität des Studiengangs maximal genutzt. Da die individuelle Beratung ein Schwerpunkt in der Betreuung Studierender mit Kind oder Kinderwunsch ist, werden besondere Anstrengungen unternommen, auf dieses Angebot aufmerksam zu machen.

Im erweiterten Rahmen der Einführungs- und Informationsveranstaltungen für Erstsemester wird künftig durch eine Vertreterin des Gleichstellungsteams auf die konkreten Angebote hingewiesen. Diese Gelegenheit wird auch dazu genutzt auf gleichstellungsrelevante Themen über das Vereinbarkeitsthema hinaus aufmerksam zu machen. Damit kann ein doppelter Erfolg verbucht werden, da auch Studentinnen ohne Kinder z. B. über unterstützende Aktivitäten bei der Karriereplanung, über Mentorenprogramme und weitere Angebote des Gleichstellungsbüros informiert werden.

Weiterhin werden über das Onlinemedium "Schwarzes Brett" Informationen für die interessierten Studierenden publiziert. Gleichstellungsbüro und Studiendekanat arbeiten auch hier eng zusammen.


Infrastruktur / Kinderbetreuung

Die Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg bietet seit 2009 für MitarbeiterInnen und Studierende die Krippe MEDI-KIDS an, die mit 20 Plätzen in eigener Trägerschaft studienplatznahe Kinderbetreuung zu optimalen Rahmenbedingungen vorhält. Die Einrichtung ist lediglich an zehn Werktagen während eines Kalenderjahres geschlossen, Öffnungszeiten sind werktäglich von 7.00 Uhr bis 19.00 Uhr. Im Oktober 2010 wurde MEDI-KIDS um eine altersgemischte Kindergartengruppe erweitert. Mit Stand März 2011 werden sechs Kinder von Studierenden bei MEDI-KIDS betreut [1]. Die Einrichtung wird von der Stadt Mannheim, Amt für Jugend und Soziales, finanziell gefördert.

Um Eltern den Aufenthalt mit Kind(ern) auf dem Campus zu erleichtern, sollen eine oder mehrere zentral gelegene Wickelmöglichkeiten für Babies eingerichtet werden. Auch eine Rückzugsmöglichkeit für stillende Mütter ist im Gespräch. Um ein solches Angebot effizient zu gestalten, wurde vom Gleichstellungsteam angeregt, die Nutzung auch für Angestellte der Fakultät und des Klinikums freizugeben.

In der Cafeteria stehen Kinderhochstühle zur Verfügung. Angeregt wurde die Möglichkeit einer kostenfreien Mahlzeit für kleine Kinder in Begleitung eines Elternteils. Die Gespräche dazu befinden sich auf einem guten Weg.


Kontakte und Synergien

Es besteht eine vertrauensvolle Kooperation mit dem Gleichstellungsteam der Universität Heidelberg, das über einen reichen Erfahrungsschatz und beste Personalressourcen verfügt.

Angestrebt ist weiterhin die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Krankenhausbetriebsleitung.

Eine Vertreterin des Gleichstellungsteams nimmt regelmäßig am Arbeitskreis ‚Familienfreundliche Hochschule der Metropolregion Rhein-Neckar’ teil. In diesem AK werden unter der logistischen Federführung der M-R-N GmbH Erfahrungen ausgetauscht und Kooperationen geplant. Die im Rahmen des AK möglichen Blicke ‚hinter die Kulissen’ anderer Hochschulen bieten ein breites Forum für Austausch und Synergieeffekte.


Fazit

Die Vereinbarkeit von Kindern mit dem Medizinstudium ist schon länger ein der Thema, auf das die Mannheimer Fakultät Wert legt. Bereits vor längerer Zeit waren etliche Maßnahmen dazu in der Diskussion. Eine Studie der Universität Ulm mit dem Titel „Familienfreundlichkeit in der Medizinischen Fakultät“ [2] indessen gab jetzt den Anlass, die Vereinbarkeit von Studium und Familie an der Mannheimer Fakultät wieder verstärkt auf die Agenda zu nehmen und die Umsetzung von verschiedenen Maßnahmen zu beschleunigen. Während in Mannheim etliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Studium und Familie bereits vorhanden waren, wurde durch die Studie deutlich, dass vor allem hinsichtlich des Bekanntmachens und der Kommunikation der bestehenden Angebote Bedarf bestand; hier kann jetzt gezielt angesetzt und entsprechende Information sowohl breiter als auch gezielter platziert werden.

Intensiviert wurde in diesem Zusammenhang auch die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Studiendekanat und Gleichstellungsstelle. Von dieser und anderen Maßnahmen konnten in der jüngsten Vergangenheit bereits einige Studierende profitieren.

Nicht erfasst wurde bisher die Anzahl der Studierenden mit Kind, es besteht über diese Familienverhältnisse keine Meldepflicht. Für den internen Gebrauch will aber die Fakultät in Zukunft eine eigene Erhebung anstreben, die einen ungefähren Überblick über die Anzahl der Studierenden mit Kind erlaubt.


Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

1.
Scheib-Berten A. Familien- und Elternförderung an medizinischen Fakultäten am Beispiel der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, Neues Handbuch Hochschullehre. Stuttgart: Dr. Josef Raabe Verlag; 2010.
2.
Niehues J, Prospero K, Fegert JM, Liebhardt H. Familienfreundlichkeit im Medizinstudium in Baden-Württemberg. Ergebnisse einer landesweiten Studie. GMS Z Med Ausbild. 2012;29(2):Doc33. DOI: 10.3205/zma000803 Externer Link