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GMS Medizin — Bibliothek — Information.

Arbeitsgemeinschaft für Medizinisches Bibliothekswesen (AGMB)

ISSN 1865-066X

Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist – Open Access im wissenschaftlichen Publikationsprozess

It is the simple things that are hard to do: Open Access and scholarly publications

Fachbeitrag

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  • corresponding author Julia Böske - Hochschule Zittau/Görlitz (FH), Görlitz, Deutschland

GMS Med Bibl Inf 2010;10(2):Doc17

DOI: 10.3205/mbi000200, URN: urn:nbn:de:0183-mbi0002004

Veröffentlicht: 18. November 2010

© 2010 Böske.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

In den letzten Jahren wurde das wissenschaftliche Publikationssystem zunehmend in Frage gestellt. Dazu hat Open Access – der freie Zugang zu wissenschaftlichen Informationen – einen großen Anteil beigetragen. Daher lohnt sich eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Phänomen Open Access. In diesem Zusammenhang wird das Geschäftsmodell traditionellen Publizierens mit dem des Open Access verglichen. Dieser Vergleich soll den Anstoß geben, die Auslegung des Open Access nach der Berliner Erklärung zu überdenken und sich neuen Formen des Open Access zu öffnen. Zu diesem Zweck müssen allerdings bestehende Feindbilder aufgebrochen werden, die seit den letzten Jahren vor allem zwischen kommerziellen Verlagen und der Wissenschaft entfacht wurden. Insofern verstehen sich die nachfolgenden Ausführungen nicht nur als Dialoghilfe, sondern sie frischen auch die Legitimation kommerzieller Verlage im Publikationsprozess auf und bieten ihnen eine neue Handlungsgrundlage. Denn Open Access sollte nicht nur als Gefahr, sondern vor allem als Herausforderung und Chance für den Fortbestand kommerzieller wissenschaftlicher Verlage begriffen werden. Es geht darum, elektronische Märkte von morgen zu erschließen.

Schlüsselwörter: Open Access, Wertschöpfungskette, Geschäftsmodell, Verlag

Abstract

In the last years the scientific system of publication was challenged increasingly. Open Access – the free access to scientific information – has contributed a lot to it. Therefore is a profound discussion with the phenomenon Open Access worthwhile. In this context the business model of traditional publishing is compared to that of the Open Access. This comparison should give the impulse to think over the interpretation of the Open Access referring to the Berlin Declaration and to open to new forms of the Open Access. However, for this purpose existing enemy images must be destroyed which were aroused since the last years above all between commercial publishing companies and the science. In this respect the following implementations are not only a dialogue help, but they also refresh the legitimization of commercial publishing companies in the publication process and offer them a new action basis. Because Open Access should be understood not only as a danger – above all it is a challenge and chance for the continuity of commercial scientific publishing companies. The point is that it is possible to break into electronic markets of tomorrow.


Der Wandel der bestehenden Systeme?

„Werdet Teil der Revolution!“ so forderte der Nobelpreisträger Harold Varmus im Jahr 2003 zu einem radikalen Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems auf [1]. In ähnlichen Boykott- und Veränderungsappellen traten Vertreter aus Wissenschaft und Forschungspolitik, aus Verlagen und Bibliotheken als Kämpfer für Open Access, dem Freien Zugang zu wissenschaftlichen Informationen, ein.

Längst schwärmen die Massenmedien von einer wissenschaftlichen Literatur, die ‚gratis’ und ‚frei zugänglich’ ist. Schlagzeilen wie „Open Access – der Weg in eine neue Zukunft“ oder „Ethik der Verlage: Grenzen zwischen Gut und Böse fließend“ überhäufen sich. Open Access wird schon als die Demokratisierung der Wissenschaft gefeiert [2].

Die Berliner Erklärung, die das grundsätzliche Fundament des Open Access bildet, schließt mit den Worten: Die mit dem Freien Zugang verbundenen „Entwicklungen werden zwangsläufig zu erheblichen Veränderungen im Wesen des wissenschaftlichen Publizierens führen und einen Wandel der bestehenden Systeme […] einleiten“ [3]. Dem schließt sich der logische Gedankengang an, dass der Wandel des Bestehenden, wenn auch in allerletzter Konsequenz, als vollständiger Wechsel hin zu Open Access ausgelegt werden kann. Ist Open Access imstande, das bisherige Publikationswesen in Deutschland zu ersetzen? Haben die traditionellen Teilnehmer der Publikationskette vielleicht schon ausgedient?

Die Überprüfung dessen erfordert einen Vergleich zwischen Open Access und dem traditionellen Geschäftsmodell des wissenschaftlichen Publikations- und Rezeptionsprozesses (kurz: Publikationsprozess). Da die Geburtsstunde des Open Access eng mit wissenschaftlichen Fachzeitschriften im Zusammenhang steht, bietet sich dieses Medium als Ausgangspunkt des Vergleiches an.

Geschäftsmodelle beschreiben modellhaft die individuellen Perspektiven der einzelnen Geschäftsteilnehmer und setzen sich aus drei Komponenten zusammen: 1. der ‚Architektur der Wertschöpfung’, 2. dem ‚Nutzenversprechen’ und 3. dem ‚Ertragsmodell’ [4].

Geschäftsmodelle müssen funktionstüchtig und finanziell abgesichert sein, sowie die Interessen der Geschäftsteilnehmer wahren. Ein erfolgsversprechendes Geschäftsmodell liegt dann vor, wenn für alle Geschäftsteilnehmer diese Bedürfnisse befriedigt werden und sie bereit sind, sich an einem Geschäftsmodell, wie dem Publikationsprozess, zu beteiligen.


Die Architektur der Wertschöpfung

Die ‚Architektur der Wertschöpfung’ beschreibt das stufenweise Zusammenspiel der einzelnen Geschäftsteilnehmer im Wertschöpfungsprozess.

Die traditionelle Publikationskette, so der informationswissenschaftliche Terminus, setzt sich aus sieben Akteuren zusammen: Angefangen beim Wissenschaftsförderer und dem Autor über den Gutachter, den Verlag und den Handel bis hin zur Bibliothek und dem Leser.

Durch Open Access und die neuen Möglichkeiten elektronischer Publikationen können kürzere Übertragungswege genutzt werden: Verlag, Handel und Bibliotheken können aus der traditionellen Publikationskette ausgegliedert werden, was zu einem Kurzschluss innerhalb des Systems führt.

Die Umsetzung von Open Access mag auf den ersten Blick sehr einfach erscheinen, aber sie ist mit vielerlei Schwierigkeiten verbunden. Schließlich schaffen Verlag, Handel und Bibliotheken einen unbestreitbaren Mehrwert.

Im Open Access stellt diese Wertschöpfung hingegen noch große Probleme dar. Denn einige Aufgaben werden nicht mehr in dem Maße abgedeckt, wie dies bisher möglich gewesen ist. Zum Beispiel betrifft dies die Qualitätssicherung, Langzeitverfügbarkeit und Herstellung der Artikel (Abbildung 1 [Abb. 1]).

Für das Publizieren im Open Access eröffnen sich nun verschiedene Strategien, auf diesen Mehrwertverlust zu reagieren: Die erste Möglichkeit ist, auf diese Mehrwertdienste zu verzichten. Dieser Weg erscheint jedoch kaum empfehlenswert, da der Verzicht auf die entsprechenden Mehrwertleistungen erhebliche Schwierigkeiten mit sich bringt. Es ist beispielsweise keine Lösung, die Begutachtungskoordinierung und Artikelauswahl aufzugeben, und damit ein Informationschaos anzurichten.

Die zweite Strategie wäre, dass die verbleibenden Akteure ihre Aufgabenfelder erweitern, um die Lücken in der Architektur der Wertschöpfung zu schließen. Diese Strategie liegt in mancher Hinsicht dem ‚Grünen Weg’ zu Open Access sehr nahe. Dabei muss allerdings in Kauf genommen werden, auf professionelle Leistungen, bestehende Kernkompetenzen und sparende Synergieeffekte zu verzichten. Dies ist zwar möglich, aber ebenfalls nicht ratsam.

Übrig bleibt die dritte Strategie; nämlich neue Akteure in den Open-Access-Publikationskreislauf einzuladen. Dies wird bereits auf dem ‚Goldenen Weg’ zu Open Access umgesetzt. Allerdings besteht bei diesen stellvertretenden Verlagen eine große Schwierigkeit: In ihren Aufgabenbereichen sollen sie sich nicht von den traditionellen Teilnehmern unterscheiden, jedoch ohne dabei die gleichen Fehler wie diese zu begehen. Schließlich ist die Zeitschriftenkrise durch das Fehlverhalten der traditionellen Verlagshäuser heraufbeschworen worden und dies gilt es, zukünftig zu vermeiden. Dass einige Open-Access-Journale diese Gradwanderung nicht bewältigen werden, zeigen die Beispiele PLoS und BioMed Central. Bei diesen Open-Access-Zeitschriften liegen die Preise sogar noch deutlich über dem Durchschnitt der traditionellen Journale.


Das Nutzenversprechen

Das ‚Nutzenversprechen’ beschreibt die potentiellen Vorteile und Nutzen der einzelnen Geschäftsteilnehmer.

Im traditionellen Publikationsprozess werden ausreichend Anreize gestiftet, um die Akteure zu überzeugen, am Publikationskreislauf teilzunehmen. Auch die Leser und Bibliotheken sind noch(!) bereit, an diesem Geschäftsmodell mitzuwirken, wie die Praxis zeigt. Auch wenn sie angesichts der Möglichkeiten des Internets und seit der Zeitschriftenkrise einen deutlich kritischeren Standpunkt einnehmen.

Demgegenüber hat sich im Open Access ein noch ungelöster Interessenkonflikt herauskristallisiert, der den Wissenschaftler in seinen Rollen als Autor, Gutachter und Leser betrifft. Im ungünstigsten Fall könnte hier ein Jekyll-and-Hyde-Effekt entstehen [5].

Das heißt, einerseits erfreuen sich Open-Access-Medien stetig steigender Beliebtheit, da die Annehmlichkeiten des kostenlosen und Freien Zugangs zu Informationen für die Leser unumstritten sind [5].

Andererseits haben jedoch die meisten Autoren nach wie vor Vorbehalte gegenüber einer eigenen Publikation im Open Access. Diese Vorbehalte äußern sich beispielsweise in der Skepsis gegenüber urheberrechtlichen Anforderungen und dem Renommee von Zeitschriften, die nach dem Prinzip des Freien Zugangs veröffentlicht werden [5].

Auch Gutachter müssen im Open Access starke Reputationsverluste hinnehmen und sehen daher weniger Anreiz, im Publikationsprozess mitzuwirken. Daher befinden sich Autoren und Gutachter noch immer in einer Wartestellung [5].

Daraus muss die Konsequenz gezogen werden, die Anreize für Autoren und Gutachter im Open Access umzugestalten oder von Grund auf zu erneuern. Beispielsweise sollten die Kennzahlen zur Berechnung des Citation-Index evaluiert werden. Ebenso muss ein klarer rechtlicher Rahmen auf staatlicher Ebene gesteckt werden, der direkt auf Open-Access-Publikationen zugeschnitten ist. Sofern möglich, können auch finanzielle Anreize die Attraktivität des Freien Zugangs deutlich erhöhen.


Das Ertragsmodell

Das ‚Ertragsmodell’ beschreibt die Einnahmen der Akteure und deren Quellen. Daraus ergibt sich die Richtung, in welche die Finanzströme eines Geschäftsmodells fließen.

Wer annimmt, dass Open Access mit keinerlei Kosten verbunden sei, liegt einem Irrtum auf (gesetzt den Fall, dass vergleichbare Leistungen hinter der Publikation stehen).

Im traditionellen Geschäftsmodell wie auch im Open Access werden die Wissenschaftskosten (z.B. Gehälter, Forschungsmittel für die Wissenschaftler) über die Wissenschaftsförderer abgedeckt. So weit, so gut. Neben diesen Kosten gibt es jedoch auch die Kosten, die aufgrund der Publikation der Fachzeitschrift entstehen (z.B. Druck, laufende Kosten der Repositorien).

Im traditionellen Geschäftsmodell werden die Publikationskosten von den Lesern und Bibliotheken getragen. Im Open Access bleiben den Rezipienten hingegen die hohen finanziellen Ausgaben für Zeitschriften erspart. Damit wird ihnen der kostenlose Freie Zugang zu Wissen ermöglicht. Aber die Publikationskosten lösen sich doch nicht in Luft auf?! Oder kostet das Publizieren im Open Access etwa kein Geld!?

Fakt ist, Publizieren kostet unabhängig vom Publikationsmodell immer Geld.

„Die Durchschnittskosten für die Publikation eines wissenschaftlichen Artikels – in elektronischer und gedruckter Form – wurden in einer [weltweiten] Studie von Mark Ware Consulting mit USD 3.750 angegeben; die Bandbreite reicht dabei von USD 410 bis zu USD 10.000 im Fall von Zeitschriften mit einer sehr hohen Ablehnungsrate […]. Unabhängig von dem zugrunde liegenden Geschäftsmodell, ist von bestimmten Fixkosten (First-copy costs) auszugehen […]. Von Kosten in diesen Größenordnungen ist auch bei Open-Access-Publishing auszugehen, unabhängig davon, welchen der beiden Open Access [Wege] man beschreitet“ [6].

Wenn der Leser also die Publikationskosten nicht mehr im Endpreis übernimmt, müssen dafür andere Akteure die Ausgleichzahlung übernehmen. Die Umlenkung des Zahlungsstromes ist also eine alternative Lösung, bei der jedoch keine Einsparungen zu erwarten sind.

Dies führt zur Frage, wer nun für Open Access bezahlen soll?

Der Leser kann von vornherein ausgeschlossen werden, da es ja gerade um diesen Wechsel im System geht und die Leser den kostenlosen Zugang zu Informationen einfordern.

Wenn die Wissenschaftsförderer die anfallenden Publikationskosten im Open Access tragen sollen, muss unter dem Strich für sie ein bestmögliches Optimum herausspringen. Das heißt ein Optimum, das besser ist als das des traditionellen Publikationskreislaufs.

Fakt ist, ein Wechsel zum Open Access zieht ein Umdenken auf breiter Ebene nach sich, da die Arbeits- und Mittelaufteilung in der Förderpolitik vollkommen neu gestaltet werden muss. Beispielsweise können Publikationsfonds eingerichtet werden, wie es bereits zurzeit von einigen Stiftungen praktiziert wird. Diese Zuschüsse werden allerdings bislang sehr niedrig angesetzt.

Außerdem müssten die Förderungsfristen gelockert werden. Denn Fördermittel dürfen bislang nur während der Projektdauer ausgegeben werden. Publikationen werden jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.

Trotz einiger Schwierigkeiten ist jedoch eine Finanzumlenkung hin zum Wissenschaftsförderer organisatorisch durchaus denkbar.

Eine andere Möglichkeit der Kostenumverlagerung ist, die Publikationskosten über die Autoren abzudecken. Das heißt, Autoren bezahlen die Publikationskosten, die traditionell vom Leser über die Zeitschriftenpreise getragen werden. Diese Strategie wird auf dem ‚Goldenen Weg’ zu Open Access bereits angewendet.

Allerdings stellt sich die Frage, ob Publikationsgebühren innerhalb der Autorenschaft ausreichend Akzeptanz finden. Diese zusätzliche finanzielle Belastung könnte eine ungewollte Veröffentlichungsbarriere darstellen, insbesondere für Nachwuchswissenschaftler und Geringverdienende. Empirische Studien zum Publikationsverhalten von Autoren im Open Access sind hier geteilter Meinung.

Prinzipiell sind Autorengebühren jedoch möglich und werden bereits in der gängigen Praxis, teils auch in Kombination mit Zuschüssen der Wissenschaftsförderer, umgesetzt.

Während der ‚Goldene Weg’ zumindest ein Finanzierungsmodell vorschlägt, bleibt es bei der ‚Grünen Strategie’ noch fraglich, wer die Kosten für die Publikationen und die laufenden Kosten (z.B. Migrationskosten bei Hardware- oder Softwarewechsel) für die Repositorien übernehmen soll, wenn dies nicht die traditionellen Akteure tun. Schließlich fällt ein erheblicher Investitions- und Betreuungsaufwand für die Anschaffung und den Betrieb solcher Archive an [2]. Daher greift der ‚Grüne Weg’ oftmals auf Parallelpublikation der Autoren- oder Verlagsversionen eines traditionell publizierten Beitrags zurück – jedoch ohne dafür eine Gegenleistung zu bieten. Die langfristige Nachhaltigkeit des ‚Grünen Weges’ zu Open Access kann also in dieser Form nur gewährleistet werden, wenn das traditionelle Publikationsmodell bestehen bleibt [7].


Das zweifelhafte Argument der Dreifachfinanzierung

Eines der populärsten Argumente gegen den traditionellen Publikationskreislauf ist die Dreifachfinanzierung der Artikel durch öffentliche Mittel zugunsten von Verlag und Handel. Dreifachfinanzierung meint, dass der Staat über Gehälter und Forschungsmittel wissenschaftliche Publikationen in dreifacher Hinsicht subventioniert; nämlich erstens bei der Informationserstellung durch Autoren, zweitens bei der Begutachtung durch Experten und drittens beim käuflichen Erwerb der Publikation durch Bibliotheken und Leser, die allesamt vom Staat subventioniert werden. Kritisiert wird, dass die Publikationen, die der Staat vorfinanziert, von der privaten Verlags- und Handelsindustrie wieder abgekauft werden müssen. So hat es den Anschein, dass beim traditionellen Publizieren der Steuerzahler die Gewinne privater Unternehmen finanziert. In der Dreifachsubventionierung des Staates liegt damit die Forderung des Open Access begründet, dass wissenschaftliche Publikationen der Allgemeinheit ohnehin kostenlos und frei zustehen [2].

Dieses Argument sollte mit Vorsicht genossen werden. Denn erstens ist der Staat laut Grundgesetz verpflichtet, Wissenschaft zu unterstützen.

Zweitens kann dem Verlag und Handel nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass sie Gewinne erwirtschaften. Schließlich nehmen sie ein hohes wirtschaftliches Risiko für die Publikation auf sich. Dieses Risiko zahlt sich erst, und wenn überhaupt, nach dem Verkauf der Zeitschrift aus. Da von staatlicher Seite keine Garantien für eventuelle Verluste übernommen werden, stellt die Aussicht auf Gewinn den einzigen Anreiz für Verlag und Handel dar, im traditionellen Publikationskreislauf überhaupt mitzuwirken und einen Mehrwert zu leisten.

Und drittens trägt die öffentliche Hand lediglich 11 Prozent aller Ausgaben für die Wissenschaft. Den Löwenanteil von 89 Prozent stemmen hingegen gemeinnützige und nicht-staatliche Unternehmen. Und selbst wenn nur der 11-prozentige Anteil der von der öffentlichen Hand subventionierten Wissenschaftler für die Argumentationslinie der Dreifachfinanzierung berücksichtigt wird, hat der Staat trotzdem keinen direkt ableitbaren Anspruch auf diese wissenschaftlichen Publikationen. Der Staat finanziert schließlich nur die Wissenschaftskosten in Form von Gehältern und Projektmitteln, allerdings nicht die Publikationskosten als solche. Daher hat der Staat kein wirkliches Recht auf den kostenlosen Freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen.


Kooperationsmodelle zwischen dem Alten und dem Neuen?

Im Für und Wider beider Publikationsmodelle wird deutlich, dass Open Access noch immer auf sehr wackligen Beinen steht. Zu viele offene Fragen stehen noch im Raum. Weitreichende Probleme bleiben weiterhin ungelöst. Es ist also nicht so leicht, wie weithin angenommen wird, den traditionellen Publikationskreislauf einfach zu verkürzen und bewährte Akteure zu unterlaufen. Ergo: Open Access ist zurzeit kein vollständiger Ersatz für das traditionelle Publikationswesen.

Allerdings hat auch das traditionelle Publizieren einige Schwachstellen. Denn seit der Zeitschriftenkrise in den 1990er Jahren hat das Vertrauen in die traditionellen Akteure stark gelitten, sodass einige Mitglieder des traditionellen Publikationskreislaufs darin nicht mehr ihre Interessen gewahrt sehen.

Mit Open Access wurde daher eine Bewegung in Gang gesetzt, die trotz aller Vorbehalte und Probleme, eine Alternative zum traditionellen Publizieren darstellt. Diese Entwicklung ist nicht mehr umkehrbar. Zumal Open Access auch schon in der Praxis umgesetzt und fieberhaft an der Lösung der noch bestehenden Probleme gearbeitet wird.

Da also ein vollkommener Ersatz des Einen durch das Andere zurzeit nicht realistisch ist, werden sich wohl beide Modelle miteinander arrangieren müssen.

Doch sind Kooperationsmodelle zwischen Open Access und der Verlags- und Handelsindustrie überhaupt vorstellbar?

Diese Frage wäre noch vor einigen Jahren in der Anfangsphase der Bewegung vollkommen undenkbar gewesen. Die Fronten beider Lager waren viel zu ideologisch belastet und die wechselseitigen Feindbilder zu stark ausgeprägt. Doch seit in jüngster Zeit die Parteien mehr und mehr aufeinander zugehen, kommt Bewegung in die Fronten und bestehende Feindbilder beginnen sich aufzulösen.

Die Verlags- und Handelsindustrie ist zunehmend bereit, mit Open-Access-Modellen zu experimentieren. Open-Access-Befürworter sitzen gemeinsam mit traditionellen Akteuren an einem Tisch, um so eine realistische Sicht auf die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu erhalten.

Dabei lösen sich die Open-Access-Anhänger mehr und mehr von der Maximalforderung an den Freien Zugang. Das heißt, das sogenannte True Open Access, das in der Berliner Erklärung gefordert wird, verliert zusehends an Bedeutung. Vielmehr wird sich einer Minimalforderung an Open Access zugewendet. Diese Minimalforderung schließt den kostenfreien Lesezugriff auf Informationen ein, garantiert jedoch den Autoren die Wahrung der Authentizitätsfunktion und den Verlagen die Daseinsberechtigung [8].

Aus diesem Kompromiss heraus sind Kooperationsmodelle zwischen kommerziellen Verlagen und Open Access entwickelt worden.

Dabei kann sich Open Access einerseits auf die Zeitschrift in ihrer Gesamtheit beziehen und andererseits auf Einzelartikel, die von der Einheit Zeitschrift losgelöst sind [9].

Zurzeit gibt es neben dem True Open Access sechs verschiedene Vorschläge für solche Geschäftsmodelle, von denen einige bereits getestet werden [9].

1.
Der Partielle Freie Zugang: Bei dieser Form des Open Access sind einige Teile des Werkes im Netz frei zugänglich. Diese Teile können beispielsweise Inhaltverzeichnisse, Abstracts, Kommentare, Reviews, aber auch Editorials und sogar einzelne Artikel sein. Gelegentlich sind auch gesamte Zeitschriften unmittelbar nach dem Erscheinen für kurze Zeit frei zugänglich, um sie anschließend gegen eine Gebühr für einen längeren Verwertungszeitraum anzubieten. (Beispiele: British Medical Journal, Neuron Glia Biology)
2.
Der Optionale Freie Zugang: Bei dieser Spielart des Open Access bietet der Verlag dem Autor an, selbst zu entscheiden, ob sein Artikel frei zugänglich ist oder nicht. Entscheidet sich der Autor für eine Open-Access-Publikation, erhebt der Verlag eine Gebühr, für die der Autor aufkommt. Dadurch wird der Leser finanziell entlastet. Im Endeffekt führt der Optionale Freie Zugang zu einer Sonderform des Partiellen Open Access. (Beispiele: Florida Entomologist, Zeitschriften des Springer-Verlages)
3.
Der Zeitverzögerte Freie Zugang: Hierbei ist das Werk erst nach einem bestimmten Verwertungszeitraum frei zugänglich, der vom Verleger festgesetzt wird. Abhängig von Verlag und Zeitschrift beträgt dieser Zeitraum in der Regel 6 bis 24 Monate. (Beispiele: Zeitschriften der Verlage Reed Elsevier und HighWire)
4.
Der Rückwirkende Freie Zugang: Diese Open-Access-Form beschreibt die nachträglich eingeräumte freie Zugänglichkeit zu bereits veröffentlichten Artikeln, die zuvor nur gegen eine Gebühr zur Verfügung standen. Dabei handelt es sich oftmals um Werke, die nicht mehr den Beschränkungen des Urheberrechts unterliegen oder für die mit den Rechteinhabern gesonderte Vereinbarungen getroffen werden. (Beispiel: Archiv des Göttinger Digitalisierungszentrums)
5.
Der Freie Zugang für Entwicklungsländer: Für Wissenschaftler, die aus sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern stammen, werden die Publikationskosten ermäßigt oder erlassen. Außerdem werden sie von institutionellen Mitgliedschaftsgebühren entbunden. Die infrage kommenden Wissenschaftler werden ermittelt anhand einer offiziellen Liste der Vereinten Nationen, in der die ‚Least Developed Countries’ aufgeführt sind. (Beispiel: das Programm ‚Access to global Online Research in Agriculture’ für Zeitschriften der Medizin und der Agrarwissenschaften)
6.
Der Gebührenbegleitende Freie Zugang: Bei dieser Variante werden Artikel über Verlage auf Open-Access-Archiven entgeltfrei zur Verfügung gestellt. Diese Archive können entweder fachlicher bzw. institutioneller Art sein oder vom Verlag selbst betrieben werden. Gebühren werden lediglich für zusätzliche Dienstleistungen erhoben, wie der Zusammenstellung der Zeitschrift als Gesamtausgabe oder der Fertigung von Printexemplaren. (Beispiele: Critical Care, Genome Biology)

Natürlich werden nicht all diese Kooperationsmodelle überleben, aber es ist davon auszugehen, dass sich zumindest einige dieser Geschäftsmodelle in der Publikationslandschaft durchsetzen können. Dies ist natürlich abhängig von der Haltung der Verlage.


Die Zukunft wissenschaftlichen Publizierens

Der Ausblick auf die nahe und ferne Zukunft des Publizierens sollte wissenschaftlichen Verlagen als Entscheidungshilfe dienen, ihre Haltung gegenüber Open Access genauestens abzuwägen: das heißt, ob sie bereit sind, mit Open Access zu kooperieren oder aber, ob sie ein beziehungsloses Nebeneinander anstreben.

Schon heute übt die Open-Access-Bewegung auf das kommerzielle wissenschaftliche Publikationswesen Druck aus. Dieser Druck wird durch übergeordnete Forschungsorganisationen ausgelöst – wie zum Beispiel der ‚Deutschen Forschungsgemeinschaft’ und der ‚Max-Planck-Gesellschaft’. Diese Institutionen haben sich bestimmten Open-Access-Policies verpflichtet, in denen sie die Vergabe ihrer Mittel an die Forderung knüpfen, dass die aus diesen Geldern resultierenden Publikationen nach dem Prinzip des Freien Zugangs veröffentlicht werden [10].

Daher werden kommerzielle Verlage faktisch gezwungen, mit Open Access zu kooperieren. Andernfalls müssen sie in Kauf nehmen, auf Beiträge bestimmter Autoren zu verzichten, die dem Open Access verpflichtet sind. Dies zieht Einbußen in der Qualität der Zeitschriften nach sich und wirkt sich negativ auf die Verkaufszahlen aus. In dieser Hinsicht ist es sogar ein Wettbewerbsnachteil, nicht auf die Open-Access-Welle aufzuspringen [10].

Außerdem bringt es kommerziellen Verlagen entschiedene Vorteile Kooperationsmodelle einzusetzen. Beispielsweise können sie so ihr Image deutlich aufwerten [2].

Zudem ist es Verlagen in der Vorreiterrolle möglich, einen First-Mover-Advantage zu sichern und somit kurzfristige Marktanteile auf Kosten anderer Marktteilnehmern hinzu zu gewinnen [10]. Kooperationen mit Open Access bieten also die Möglichkeit, durch einen gezielten Einsatz des Marketings strategische Vorteile auf dem Publikationsmarkt zu erzielen.

Daher ist frühzeitiges Handeln gefragt! Zumal von Seiten des True Open Access noch keine wirkliche Gefahr ausgeht. Zwar ist anzunehmen, dass in naher und mittlerer Zukunft, also in ein bis fünf Jahren, viele weitere True-Open-Access-Journale auf dem ‚Goldenen Weg’ herausgegeben werden. Allerdings werden davon nur wenige in Konkurrenz zu den Zeitschriften der kommerziellen Verlage treten können.

Hierfür gibt es verschiedene Gründe: Zum einen sind die Marken der Zeitschriften, einschließlich ihrer Reputationen, im traditionellen Publizieren bereits herausgebildet und etabliert. Dadurch wird die Monopolstellung wissenschaftlicher Verlage weiterhin gestärkt. Zum anderen gehen mehr und mehr kommerzielle Verlage dazu über, Open-Access-Variationen zu zulassen.

Wahrscheinlich werden sich True-Open-Access-Zeitschriften am ehesten auf den wissenschaftlichen Gebieten durchsetzen können, die noch kaum erforscht sind und für die es bislang nur wenige renommierte Zeitschriften gibt [10].

Auch die ‚Grüne’ Umsetzungsstrategie des True Open Access ist in naher und mittlerer Zukunft noch keine ernstzunehmende Konkurrenz für das traditionelle Publikationswesen. Denn viele Universitäten und Forschungsinstitutionen verfügen noch nicht über umfassende Möglichkeiten zur Selbstarchivierung in institutionellen Repositorien. Zudem sind die vereinzelten Archive noch kaum miteinander vernetzt und es existieren bisher nur wenige Suchmöglichkeiten, um die Recherche nach frei zugänglichen Artikeln zu optimieren [10].

Auch wenn das True Open Access in naher und mittlerer Zukunft keine Gefahr für den Fortbestand des traditionellen Publikationswesens darstellt, wird es auf lange Sicht immer mehr an Fahrt zunehmen, beispielsweise durch die Erweiterung von Suchmaschinen, neue Anreizsysteme usw.

Außerdem wird durch die kooperative Haltung der Verlage zum Freien Zugang, zu der das traditionelle Publikationswesen faktisch gezwungen ist, ein fruchtbarer Nährboden für Open Access gelegt. Dieser Nährboden wird das Bewusstsein der Wissenschaftler für diese Art des Publizierens weiter stärken.

Dies hat langfristig zur Folge, dass sich wissenschaftliche Verlage mehr und mehr dem Gegengewicht des True Open Access entgegen stemmen müssen. Und dies umso intensiver, desto mehr Antworten auf die noch ungelösten Fragen des Open Access gefunden werden.

Auf dem Markt wird also auf lange Sicht ein Verdrängungswettbewerb unter den Zeitschriften der verschiedenen Publikationsmodelle stattfinden. Dabei treten das traditionelle Geschäftsmodell, Open Access und kooperative Publikationsmodelle gegeneinander an.

Vermutlich werden die bereits etablierten und renommierten Journale auf dem Markt bestehen bleiben. Kleine, traditionelle Verlage und Fachzeitschriften ohne hohe Reputation werden wohl aus der Publikationslandschaft verschwinden. Ebenso wie diejenigen, die nicht auf den Trend hin zu Open Access aufspringen. Ihren Platz werden diejenigen Verlage und Fachzeitschriften einnehmen, die mit Open Access geschickt umzugehen wissen [10].

Wie sollten nun diejenigen Verlage reagieren, denen im Verdrängungswettbewerb das baldige Aus droht? Sie müssen Open-Access-Kooperationsmodelle zum festen Bestandteil ihrer eigenen Unternehmensstrategie machen. Dies sollte besser heute als morgen geschehen, um die kurzfristigen Vorteile des Open Access im Marketing auszuspielen.

Aber nicht das Marketing ist dabei der entscheidende Punkt, sondern die Chance auf den eigenen Fortbestand. Denn solange das True Open Access innerlich an offenen Fragen und ungelösten Problemen leidet, kann durch ein rechtzeitiges Einlenken seitens der Verlage dem Fortschreiten des True Open Access der Wind aus den Segeln genommen werden. Auf diese Weise kann frühzeitig die Richtung des Open Access entscheidend beeinflusst und gelenkt werden.

Wenn es den Verlagen gelingt, sich dies zunutze zu machen, werden sie ihre Position im Publikationswesen behaupten und teils sogar verbessern können. Kooperationsmodelle sind demnach, trotz aller Einschränkungen auf beiden Seiten, eine Investition in die Zukunft.

Angestrebt wird also ein Kompromiss, der dem traditionellen Publikationswesen langfristig den Fortbestand und Open Access eine reale Chance auf Umsetzung garantiert. Das traditionelle Publikationswesen darf der Herausforderung des Open Access nicht tatenlos zu sehen, sondern muss rechtzeitig reagieren, um den Anforderungen der Zeit gerecht werden zu können.


Anmerkung

Interessenkonflikte

Die Autorin erklärt, dass sie keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel hat.


Literatur

1.
Varmus H. Werdet Teil der Revolution: Digitale Bibliotheken und elektronische Zeitschriften sollen das wissenschaftliche Publizieren ändern. Ein Gespräch mit dem Nobelpreisträger Harold Varmus. Die Zeit. 18.03.2003;26. Verfügbar unter: http://www.zeit.de/2003/26/N-Interview-Varmus Externer Link
2.
Ball R. Open Access – die Revolution im wissenschaftlichen Publizieren. In: Bekavac B, Herget J, Rittberger M, editors. Informationen zwischen Kultur und Marktwirtschaft. Proceedings des 9. InternationalenSymposiums fur Informationswissenschaft (ISI 2004). Chur, 6.-8.Oktober 2004. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH; 2004. pp. 413-32. Verfügbar unter: http://www.informationswissenschaft.org/download/cc-isi04-art23.pdf Externer Link
3.
Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Berlin; 2003. Verfügbar unter: http://oa.mpg.de/files/2010/04/Berliner_Erklaerung_dt_Version_07-2006.pdf Externer Link
4.
Timmers P. Business Models for Electronic Markets. Electronic Markets. 1998;8(2):3-8.
5.
Koch L, Mey G, Mruck K. Erfahrungen mit Open Access – ausgesuchte Ergebnisse aus der Befragung zu Nutzen und Nutzung von "Forum Qualitative Forschung/Forum: Qualitative Social Research" (FQS). Information, Wissenschaft & Praxis. 2009;60(5):291-9.
6.
Bauer B. It's economy stupid! – Anmerkungen zu ökonomischen Aspekten des goldenen und des grünen Weges beim Open Access Publishing. Information, Wissenschaft & Praxis. 2009;60(5):271-8.
7.
Kalumenos B, Bauer B. Repositorien: Der grüne Weg zu Open Access Publishing aus der Perspektive der International Association of Scientific, Technical and Medical Publishers (STM): 10 Fragen von Bruno Bauer an Barbara Kalumenos, Director of Public Affairs bei STM. GMS Med Bibl Inf. 2009;9(1):Doc12. DOI: 10.3205/mbi000140 Externer Link
8.
Seyfarth M. Open Access – Ist der offene Wissenszugang für alle der bessere Weg?! Bucerius Law Journal. 2009;2(1):25-31.
9.
Schmidt B. Open Access. Freier Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen - das Paradigma der Zukunft? Berlin: Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität; 2006. p. 11-20. (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 144). Verfügbar unter: http://www.ib.hu-berlin.de/~kumlau/handreichungen/h144/h144.pdf Externer Link
10.
Schäfer MF. Der Weg zu Open Access. Entstehung, Entwicklung und Zukunft wissenschaftlicher Zeitschriften. In: Wunderlich W, Schmid B, editors. Die Zukunft der Gutenberg-Galaxis: Tendenzen und Perspektiven des Buches. Stuttgart: Haupt; 2008. p. 177-96.