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GMS Health Technology Assessment

Deutsche Agentur für Health Technology Assessment (DAHTA)

ISSN 1861-8863

Föderale Strukturen der Prävention von Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen

HTA-Kurzfassung

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  • corresponding author Dieter Korczak - GP Forschungsgruppe, Institut für Grundlagen- und Programmforschung, München, Deutschland

GMS Health Technol Assess 2012;8:Doc06

doi: 10.3205/hta000104, urn:nbn:de:0183-hta0001049

Dieses ist die übersetzte Version des Artikels.
Die Originalversion finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/hta/2012-8/hta000104.shtml

Veröffentlicht: 9. August 2012

© 2012 Korczak.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.

Der vollständige HTA Bericht in deutscher Sprache ist verfügbar unter: http://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta344_bericht_de.pdf


Gliederung

Kurzfassung

Gesundheitspolitischer Hintergrund

Der riskante Alkoholkonsum von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nimmt seit Jahren zu. Alkoholpräventionsprojekte sollen diese Entwicklung stoppen. Zur Überprüfung des Erfolgs dieser Projekte hat das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) im Jahr 2010 einen Health Technology Assessment (HTA)-Bericht in Auftrag gegeben, der einen internationalen Überblick zur Wirkung von Alkoholpräventionsmaßnahmen erstellt hat. Da deutsche Alkoholpräventionsprojekte in wissenschaftlichen Literaturdatenbanken unzureichend publiziert werden, erfasst der vorliegende Bericht die Wirksamkeit deutscher Projekte sowie die entsprechenden föderalen Strukturen der Trägerschaft und Finanzierung dieser Projekte.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Der HTA-Bericht „Prävention des Alkoholmissbrauchs von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ (DIMDI, Band 112, 2011) hat gezeigt, dass international nur wenige Präventionsmaßnahmen eine dauerhafte Reduktion der Alkoholkonsumhäufigkeit oder -menge erzielen. Für Deutschland ist ein Defizit in der Wirksamkeitsevaluation von Alkoholpräventionsmaßnahmen festgestellt worden. Außerdem wurde auf die Notwendigkeit der Entwicklung von spezifischen und zielgruppenorientierten Präventionsmaßnahmen für Deutschland hingewiesen.

Forschungsfragen

Wer sind die Träger von Alkoholpräventionsmaßnahmen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland?

Wie werden Alkoholpräventionsmaßnahmen in Deutschland finanziert?

Zu welchen Alkoholpräventionsmaßnahmen liegen in Deutschland Evaluationen vor?

Welche Alkoholpräventionsmaßnahmen in Deutschland sind wirkungsvoll (Ergebnisevaluation)?

Methodik

Die Träger und Finanziers von Alkoholpräventionsmaßnahmen sind über eine Internetrecherche, die aktuellen Alkoholpräventionsprojekte über eine schriftliche Befragung bei 17 Bundeseinrichtungen, 69 Ländereinrichtungen, 165 Kommunen und fünf Krankenkassen ermittelt worden. Für die Befragung ist ein Fragebogen entwickelt worden, der zentrale Informationen zu einzelnen Präventionsmaßnahmen abfragt. Dazu gehört auch die Frage, ob eine Wirkungsevaluation geplant oder durchgeführt ist und welche Outcome-Parameter dafür verwendet werden.

Ergebnisse

Eine Bundeseinrichtung, 15 Ländereinrichtungen, 77 Kommunen und zwei Krankenkassen haben den Fragebogen ausgefüllt zurückgesandt. Von diesen Einrichtungen sind 208 Projekte dokumentiert worden. Die Zielgruppen der Maßnahmen reichen vom Kindergartenalter bis hin zur Altersgruppe der 27-Jährigen. Die Ziele der Präventionsmaßnahmen sind umfassend. Es geht um Förderung von Gesundheits- und Lebenskompetenzen, Sucht- und Gewaltvorbeugung, Wissensvermittlung, Reduzierung der psychischen Belastung, Stärkung der Handlungsfähigkeit, verantwortungsbewusstes Konsum- und Genussverhalten, Förderung der Veränderungsbereitschaft, Einstellungsänderung, Verzögerung des Einstiegsalters, Reduzierung exzessiven Alkoholkonsums, Vorbildverhalten im Umgang mit Alkohol. Nur für elf Projektbeschreibungen (5,3 %) ist anhand der Unterlagen ersichtlich, dass die Projekte auf ihre Wirksamkeit evaluiert sind. Nur bei vier Projekten (1,9 %) können zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf der Basis der Ergebnisse der vorhandenen Evaluationsstudien Wirkungen festgestellt werden. Nur zwei Studien (1 %) sind methodisch von zufriedenstellender Evidenz.

Es zeigt sich, dass entsprechend dem föderalen Aufbau in Deutschland auf der Bundes-, Länder- und Kommunalebene Präventionsmaßnahmen initiiert und durchgeführt werden. Jährlich werden mindestens 36 Millionen Euro für Alkoholpräventionsmaßnahmen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgegeben.

Diskussion

Bund-, Länder- und Kommunalebenen arbeiten nur begrenzt zusammen. Als zentraler Akteur ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in zahlreiche Projekten involviert. Dazu gehören auch die von ihr betriebenen Plattformen Dot.sys und PrevNet, die jedoch nicht aktuell und umfassend und gegenwärtig für wissenschaftliche Auswertungen ungeeignet sind.

Der Begriff der „Evaluation“ wird von den Präventionsprojekten in einer großen Bandbreite ausgelegt und angewendet. Zumeist handelt es sich jedoch bei den angegebenen Evaluationen um Prozessevaluationen. Die Qualität der elf mitgeteilten Wirkungsevaluationen ist aufgrund erheblicher Limitationen nicht sehr hoch (Fallzahlen, Stichprobenziehung, Testdesign, Outcome-Parameter, statistische Tests, Follow-up-Zeitpunkte). Von einer Evidenzbasierung der Maßnahmen kann daher nur für die beiden Projekte „Klasse2000“ und „Aktion Glasklar“ gesprochen werden. Das in 147 Standorten eingerichtete Präventionsprojekt „HaLT“ ist gegenwärtig nicht evidenzbasiert.

Die Wirtschaftlichkeit des Einsatzes der für Alkoholprävention aufgewendeten Millionenbeträge ist nicht evaluiert, auch nicht das Kosten-Nutzen- oder Kosten-Wirkungsverhältnis. Dies steht völlig im Widerspruch zu der gesundheitsökonomischen und gesundheitspolitischen Forderung, dass Prävention wirksam und kosteneffektiv sein muss.

Schlussfolgerung/Empfehlungen

Es wird im Wesentlichen die Schlussfolgerung des HTA-Berichts „Prävention des Alkoholmissbrauchs von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ bestätigt, dass in Deutschland weitestgehend nicht evaluierte Alkoholpräventionsprojekte eingesetzt werden. Es ist daher von der Notwendigkeit einer grundsätzlich neuen Ausrichtung und Umsetzung der Präventionsforschung und des Einsatzes von Präventionsmaßnahmen zum riskanten Alkoholkonsum und Alkoholmissbrauch von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland auszugehen. Bevor Präventionsmaßnahmen flächendeckend realisiert werden, ist es zwingend erforderlich, anhand aussagefähiger Parameter wie signifikante und deutliche Reduktion des Alkoholkonsums, des riskanten Trinkens und des Rauschtrinkens ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Nur auf diese Weise können die vorhandenen finanziellen Mittel und Ressourcen sinnvoll und effektiv eingesetzt werden.



Schlüsselwörter: Alkoholismus; Alkoholmissbrauch; Alkoholprävention; Deutschland; EBM; Effektivität; Effizienz; evidenzbasierte Medizin; Health Technology Assessment; HTA; Intervention; Intoxikation; Jugendlicher; Kinder; Peer review; Prävention; Präventionsprojekt; Programmevaluierung; Trinken; Wirksamkeit