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GMS Hygiene and Infection Control

Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH)

ISSN 2196-5226

Neue Möglichkeiten und Strategien in der Bekämpfung Health Care assoziierter und in der Bevölkerung auftretender Infektionen – Primärprävention und Einsatz antimikrobieller Alternativen anstelle von Antibiotika

Editorial

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  • corresponding author Axel Kramer - Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald, Deutschland
  • Ojan Assadian - Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald, Deutschland
  • Sektion Klinische Antiseptik der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene

GMS Krankenhaushyg Interdiszip 2010;5(2):Doc14

doi: 10.3205/dgkh000157, urn:nbn:de:0183-dgkh0001574

Dieses ist die übersetzte Version des Artikels.
Die Originalversion finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/dgkh/2010-5/dgkh000157.shtml

Veröffentlicht: 21. September 2010

© 2010 Kramer et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Editorial

Die 2. Ausgabe im Jahr 2010 von GMS Krankenhaushygiene der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene unterstreicht den Charakter des Online Journals mit seinem Fokus der Veröffentlichung neuer Ansätze zur Infektionsprävention aus interdisziplinärer Sicht. In der vorliegenden Ausgabe werden Strategien und Methoden des Infektionsschutzes für die Bevölkerung ebenso wie für Patient und Personal einschließlich des klinischen Einsatzes von Antiseptika als Alternative zu Antibiotika behandelt, das Potential einer Studie zur Prävention der Milbenallergie analysiert, die Auswirkungen von Stress anhand des antioxidativen Potentials diskutiert und eine Screeningmethode zur Qualitätskontrolle von Plasmaquellen für den medizinischen Einsatz vorgestellt.

Im Mittelpunkt aller Beiträge dieser Ausgabe steht die Prävention Health Care assoziierter Infektionen. In einer gemeinsamen Empfehlung einer Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin wurden die Grundsätze zur Infektionsprävention bei der Narkosebeatmung durch Einsatz von Atemsystemfiltern erarbeitet.

Obwohl in der Bundesrepublik jährlich von 30.000 bis 50.000 Bissverletzungen auszugehen ist und es sich bei etwa 1–2 % der Notfallaufnahmen um Bissverletzungen handelt, gibt es keinen einheitlich empfohlenen Therapiestandard. Um diese Lücke zu schließen, wurde eine Empfehlung zur Prävention postoperativer Wundinfektionen im Rahmen der chirurgischen Versorgung von Bissverletzungen erarbeitet.

In einer Analyse von 798 MRSA-Fällen innerhalb eines Zeitraums von 7 Jahren in einem Universitätsklinikum ergab sich für das männliche Geschlecht ein erhöhtes Risiko für MRSA Infektion, was bisher nicht bekannt ist. Bestätigt werden konnten die erhöhte Gefährdung von Intensivtherapiepatienten und der um das 4-fache verlängerte Krankenhausaufenthalt.

Der nächste Beitrag zeigt auf, dass in einem kardiologischen mit Mischströmung belüfteten Eingriffsraum durch Desinfektion aller Raumflächen einschließlich des Inventars nach dem letzten Eingriff und anschließende Abhängung nicht aus dem Raum herausnehmbarer Geräte und des Inventars mit sterilen Op-Tüchern die Raumluftqualität von Reinraumklasse C zu Reinraumklasse B verbessert werden konnte. Durch strikte Flächendesinfektion und Kontrolle der Partikelfreisetzung ist es möglich, Eingriffe mit erhöhten Anforderungen auch in der Raumklasse 1b ohne erhöhte Infektionsgefährdung des Patienten durchzuführen

Die antimikrobielle Imprägnierung von Gegenständen des täglichen Bedarfs ebenso wie von Oberflächen, Textilien und Berufskleidung im Krankenhaus ist im Anwachsen begriffen. In Anbetracht der damit verbundenen Risiken ist für jede Produktgruppe ein sorgfältiges risk benefit Assessment einschließlich der anwendungsbezogenen Notwendigkeit der Imprägnierung zu verlangen. Unter diesem Gesichtspunkt wurde der Verlauf der mikrobiellen Kontamination auf Jacke und Hose der Dienstbekleidung bei 10 Mitarbeitern im Rettungsdienst auf konventioneller und mit Silberfäden eingewebter Bekleidung im Verlauf von 4 Wochen verglichen. Es war kein hygienischer Vorteil für das Silbertextil nachweisbar.

Obwohl Iod-imprägnierte Inzisionsfolien antiseptisch effektiv sind und die Wundkontamination herabsetzen, ist die Reduzierung postoperativer Wundinfektionen (SSI) durch Iod-imprägnierte Inzisionsfolien auf Grund der Effektstärke und der geringen SSI-Rate nur bei großem Stichprobenumfang zu sichern.

Während Tastaturen und Bedienmaus von Laptops durch mikrobielle Kontamination infolge mangelhafter Händehygiene und Flächendesinfektion Quelle nosokomialer Infektionen werden können, war ungeklärt, ob Mikroorganismen über das Kühlgebläse von Laptops verbreitet werden können. Die hierzu durchgeführte Studie ergab keinen Hinweis für eine Erregerfreisetzung durch das Kühlgebläse. Ursache hierfür ist die hohe Innentemperatur des Laptops (bis 73 °C) sowie am Gebläseauslass (bis 56 °C).

In der frühen Phase nach der Stammzellimplantation ist wegen des hohen Infektionsrisikos eine interventionelle Antibiose unerlässlich. Auf Grund der toxischen Risiken, des Selektionsdrucks und der Kosten wurde auf Aminoglykoside im Rahmen des empirischen Antibiotikaregimes verzichtet, ohne dass ein nachteiliger Einfluss auf die Infektionsrate und die Mortalität feststellbar war.

Die neuen Richtlinien zur Diagnose einer Latenten Tuberkulose-Infektion bei Beschäftigten im Gesundheitswesen empfehlen den Interferon-gamma Release Assays (IGRA) als Diagnoseinstrument. Um dessen Aussagekraft zu analysieren, wurden parallel zur routinemäßigen arbeitsmedizinischen Untersuchung auf Tuberkulose Konversions- und Reversionsraten bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst analysiert und Schlussfolgerungen für die Risikoeinschätzung und sich daraus ergebende diagnostische Untersuchungen vor Beginn einer Chemoprävention abgeleitet.

Bisher gibt es keine praktikable und toxikologisch unbedenkliche Möglichkeit, Milben auf Bettenmatratzen ohne Unterbrechung der Bettennutzung so weit zu dezimieren, dass die Beschwerden der Hausstaubmilbenallergie zurückgehen. Da sog. HygieneHolz gegen Milben wirksam ist, wurde der Einfluss von mit Spänen von HygieneHolz gefüllten Matratzenauflage auf den Gehalt des Milbenantigens Der p1 und auf den Gesundheitszustand bei 32 betroffenen Personen untersucht. Während der Benutzung der HygieneHolz-Matratzenauflagen nahm das Hausstaubmilbenantigen signifikant ab. Dadurch schwächte sich die Allergie-Symptomatik deutlich ab und das Wohlbefinden verbesserte sich.

Regelmäßige sportliche Betätigung ist eine gesundheitsfördernde Maßnahme. Dagegen kann Leistungssport auf Grund der hohen körperlichen Belastung zu vermehrter Freisetzung von Radikalen und damit zum Abfall des antioxidativen Potentials führen. Dieser Zusammenhang konnte bestätigt werden. Zur Kompensation erscheint eine spezielle antioxidative Kost sinnvoll.

Die Anwendung von Tissue Tolerable Plasma (TTP) auf der Körperoberfläche gewinnt u.a. zur Wundbehandlung an Bedeutung. Um verlässliche Untersuchungsergebnisse bei der Prüfung von Plasmaquellen zu gewährleisten, muss neben der Bestimmung der physikalischen Parameter ein anwendungsbezogenes Screening der Plasmaquellen erfolgen, um deren biologische Aktivität und die gleichmäßige Erfassung zu behandelnder Oberflächen zu bestimmen. Hierfür wird als einfache Screeningmöglichkeit die Exposition frisch beimpfter Agarplatten mit Testbakterien vorgestellt.

Die vorliegende Ausgabe stellt einen Querschnitt von methodischen und praktischen Weiterentwicklungen in der Hygiene dar. Unsere Hoffnung ist, dass die Arbeiten und Erkenntnisse gewinn- und nutzbringend in interdisziplinärer Zusammenarbeit im medizinischen Alltag umgesetzt werden können. Die Schlüsselbotschaft aller Beiträge mündet in die Erkenntnis, dass die Auswahl und Implementierung von Strategien und Methoden zur Infektionsprävention nur auf der Basis von Wissen, Erfahrung und Evidenz erfolgreich sein kann. Die vorliegende Ausgabe gibt Hilfestellung bei der Lösung unterschiedlicher Präventionsanliegen und unterstreicht, dass jede Präventionsmaßnahme der kritischen Überprüfung unter Berücksichtigung ihrer praktischen Umsetzung bedarf.