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GMS Mitteilungen aus der AWMF

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)

ISSN 1860-4269

50 Jahre AWMF: Rückblick

Mitteilung

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GMS Mitt AWMF 2012;9:Doc22

DOI: 10.3205/awmf000270, URN: urn:nbn:de:0183-awmf0002700

Eingereicht: 20. November 2012
Veröffentlicht: 21. November 2012

© 2012 Reinauer.
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Gliederung

Zusammenfassung

Am 10. November 1962 wurde die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) von 16 Fachgesellschaften in der BG-Unfallklinik Frankfurt/Main gegründet. Auf den Tag genau 50 Jahre später feierten die Delegierten der mittlerweile 163 Mitgliedsgesellschaften der AWMF am 10. November 2012 - wieder in Frankfurt/Main - das 50-jährige Bestehen des europaweit größten Dachverbands nationaler wissenschaftlicher medizinischer Gesellschaften. Beim Festakt gab der Ehrenpräsident der AWMF, Prof. Dr. Hans Reinauer, einen kurzen Rückblick, den wir hier im Wortlaut dokumentieren:


Text

Herr Präsident,

meine Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

in Absprache mit unserem Präsidenten Herrn Rahn und mit Herrn Kollegen Encke, will ich die Entwicklung der AWMF in den zurückliegenden 50 Jahren darstellen.

Ursprünglich hatten wir vorgesehen, dass jeder Vorsitzende seine eigene Amtszeit und die darin vorkommenden Aktivitäten darstellt. Die Begründung für meine Wahl war, dass ich sein 1985 Mitglied im Präsidium der AWMF bin, also die letzten 27 Jahre der Geschichte miterlebt und mitgetragen habe. Ich werde versuchen, die Entwicklung der AWMF - aus meiner Sicht - darzustellen und hoffe, allen gerecht zu werden.

Zu Beginn meiner Tätigkeit bei der AWMF habe ich gespürt, dass es Zweifel an der Notwendigkeit und am Sinn dieses wissenschaftlichen Dachverbandes in Deutschland gab. Dies war bei der Gründung der AWMF von einer Institution ausdrücklich festgestellt worden und dieser Gedanke hat sich noch viele Jahre hingezogen. Damals waren ähnliche Organisationen und Vereinigungen gut etabliert auf dem Gebiet der Medizin, die auch einige unserer Problemfelder besetzt hatten.

Aber Chirurgen sind mutig und aktiv und ihnen ist zu verdanken, dass aus der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie Persönlichkeiten die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften gründeten. Ich weiß nicht, welche Visionen sie hatten und wie weit diese damals gereicht haben, aber wir können sicher sein, dass wir ihre Erwartungen erfüllt, wahrscheinlich sogar übertroffen haben.

Am 10. 11. 1962 wurde von 16 wissenschaftlich medizinischen Fachgesellschaften eine Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften in Form eines nicht eingetragenen Vereins gegründet. Der Sitz der Arbeitsgemeinschaft war Frankfurt am Main.

Wir sollten daher die Initiative der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gebührend würdigen und der Fachgesellschaft auch bei dieser Gelegenheit danken.

Das Potential der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften ist in Aktivität und Qualität sehr hoch und wurde in der Regel unterschätzt.

Es war außerordentlich eindrucksvoll, mit wie viel Engagement die Fachgesellschaften zu den Delegiertenkonferenzen kamen und dort an den Beratungen teilnahmen. Bei diesen Konferenzen wurden nicht nur Reden gehalten, sondern Aktivitäten ausgelöst und Projekte geplant und gemeinsam durchgeführt.

Wie war die Zielsetzung der neu gegründeten AWMF?

Im Vordergrund stand die Ergänzung bzw. Überarbeitung der Weiterbildungsordnung (Abbildung 1[Abb. 1]).

Die Inhalte der Weiterbildungsordnung müssen von den zuständigen wissenschaftlichen-medizinischen Fachgesellschaften abgefasst bzw. gutgeheißen werden. In der Chirurgie ist insbesondere der Operationskatalog festzulegen, und dies kann nur durch die zuständige wissenschaftliche Fachgesellschaft erfolgen.

Neben der Weiterbildungsordnung waren auch die Ausbildung und die Fortbildung von Ärzten ein weiterer Schwerpunkt geworden. Bereits in der Anfangsphase stieß man auf Probleme bei den Rahmenbedingungen der Forschung. Daher wurden die Ziele der AWMF 1975 neu formuliert.

Diese waren:

  • Wissenschaftspolitik in der Medizin
  • Förderung der Forschung
  • Förderung der wissenschaftlichen Entwicklung in der Medizin und in den ärztlichen Praxen
  • Förderung der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Ärzten

Es wurden auch die Grenzen formuliert:

Man wollte sich auf keinen Fall mit Berufspolitik, mit Zielen der Berufsverbände und mit Abrechnungsfragen beschäftigen.

1987 verfasste die AWMF eine Art Denkschrift „Vordingliche Aufgaben der Medizinischen Fachdisziplinen in Praxis, Klinik und Forschung unter besonderer Berücksichtigung der Veränderungen der Altersstrukturen und ihrer gesundheitlichen Folgen“.

Ein Jahr später entstand eine weitere Publikation mit dem Titel „Neue und ausbaufähige ärztliche Tätigkeitsfelder“. Diese Publikation war eine Reaktion auf die damals festgestellte Überproduktion von Ärzten. Die Absolventen nach dem Medizinischen Staatsexamen hatten Probleme, Tätigkeitfelder zu finden.

1989 entstand die Publikation „Forschungsdefizite und förderungswürdige Ansätze in der Medizin“. Die Rahmenbedingungen der Forschung waren daneben ein permanentes Thema und es entstanden Stellungnahmen zur Novellierung des Tierschutzgesetzes, des Gentechnikgesetzes und etwa 90 Resolutionen und Memoranden zwischen 1970 und 2012.

1995 gab die AWMF das Memorandum „Prävention, Standards und zukünftige Entwicklung in medizinischen Spezialgebieten“ heraus, abgefasst von Herrn Vosteen.

Diese Publikationen leiteten ein Schwerpunktprojekt bei der AWMF ein, nämlich die Erstellung von ärztlichen Leitlinien.


Der Anstoß zur Erstellung von ärztlichen Leitlinien in der Diagnostik und Therapie kam vom Sachverständigenrat für die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. In einem persönlichen Gespräch regte der Sachverständigenrat an, das Potential in den wissenschaftlichen-medizinischen Fachgesellschaften zu aktivieren und vergleichbar den amerikanischen „Clinical Practice Guidelines“ ärztliche Leitlinien zu entwickeln. 1995 hat der Sachverständigenrat dann auch in seinem Sondergutachten seine Bitte an die wissenschaftlichen-medizinischen Fachgesellschafte niedergeschrieben, Richtlinien, Leitlinien und Empfehlungen zu erarbeiten. Die Aktivitäten zur Leitlinienentwicklung begannen in der AWMF bereits 1994 durch Konferenzen, die damals unter der Leitung von Herrn Vosteen in Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg abgehalten wurden. Bei diesem Projekt gab es Kooperationen, aber auch Abgrenzungen.

Wir waren damals davon ausgegangen, dass entsprechend der Anregung des Sachverständigenrates die Entwicklung der Leitlinien eine Aufgabe der wissenschaftlichen-medizinischen Fachgesellschaften ist und die Implementierung und die Qualitätssicherung in Kooperation mit den ärztlichen Körperschaften erfolgen sollten. Die Bundesärztekammer gründete daraufhin die Ärztliche Zentralstelle für Qualität in der Medizin. Anders als bei den Bereichen, bei denen die wissenschaftlichen-medizinischen Fachgesellschaften unter der Führung der Bundesärztekammer Richtlinien zur Qualitätssicherung erarbeitet haben, lag die Leitlinienentwicklung alleine in der Zuständigkeit und Verantwortung der Fachgesellschaften. Später arbeitete die AWMF mit den ärztlichen Körperschaften, d. h. mit der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, bei der Herausgabe der Nationalen Versorgungsleitlinien zusammen.

An dieser Stelle müssen wir den Vorsitzenden der Ständigen Kommission „Leitlinien“ der AWMF als Koordinatoren der Leitlinienentwicklung besonders danken, dies waren Prof. Vosteen, Prof. Lorenz, Prof. Selbmann, und zurzeit ist es Prof. Kreienberg zusammen mit Frau Prof. Kopp.

Die weitere Entwicklung der Leitlinien wird gesteuert durch das AWMF-Institut für Medizinisches Wissensmanagement (IMWi), das seit 2010 unter Leitung von Frau Prof. Kopp methodische Hilfen leistet und bei der Abfassung von ärztlichen Leitlinien behilflich ist. Mittlerweile sind viele Leitlinien entstanden, die formal und inhaltlich in 3 verschiedene Klassen eingeteilt wurden: S1 – S3. In der Abbildung 2 sehen sie eine Übersicht über den Stand der Entwicklung von ärztlichen Leitlinien bei der AWMF[Abb. 2].

Mit der Leitlinienentwicklung durch die wissenschaftlichen-medizinischen Fachgesellschaften ist die Zahl der Mitgliedsgesellschaften merkbar angestiegen, so dass wir zurzeit 163 wissenschaftliche-medizinische Fachgesellschaften in diesem Dachverband vereint haben[Abb. 3].

Aus dem Themenbereich „Rahmenbedingungen der Forschung“ hat sich die AWMF zunächst mit der Literaturversorgung durch die Bibliotheken, mit der Bewertung von Publikationen und mit der Verbreitung von nationalen Zeitschriften im internationalen Feld befasst. Die AWMF hat die Entstehung von großen zentralen Bibliotheken, die für den Gesamtbereich der Medizin zuständig sein sollen, stets gefördert. So ist der Ausbau der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin von der AWMF unterstützt worden. Bei der Frage der Bewertung der Qualität von wissenschaftlichen Publikationen stießen die Bibliometriekommission, das Präsidium und die Delegiertenkonferenz auf den Einfluss des „Journal Impact Factor“. Der „Journal Impact Factor“ wurde zunehmend über die leistungsorientierte Mittelvergabe an den Hochschulen hinaus auch für die Bewertung von wissenschaftlichen Publikationen bei Promotionen und Habilitationen und bei der Forschungsförderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft herangezogen.

Die AWMF hat sich zunächst mit einer Stellungnahme gegen die Überbewertung des „Journal Impact Factor“, der nichts über den einzelnen Artikel, sondern lediglich über die Zitationshäufigkeit der Zeitschrift aussagt, gewehrt. Hier wurde auch die Kooperation mit dem Medizinischen Fakultätentag gesucht. Der Einfluss des „Journal Impact Factor“ war indessen nicht aufzuhalten. Gerade durch den „Journal Impact Factor“ erhielten die nationalen Zeitschriften, die oft bei der Auswertung nicht erfasst wurden, keine qualitativ hochwertigen Manuskripte, denn diese wurden notwendigerweise an die Zeitschriften geschickt, die den günstigsten „Journal Impact Factor“ hatten.

Aus diesem Problemkomplex und mit dem Bemühen, die deutschen Zeitschriften weltweit bekannt zu machen, entstand eine Initiative, die gemeinsam mit der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin und DIMDI erstellt worden ist, nämlich das Internetportal „German Medical Science GMS“. Auch hier wandelte sich der ursprüngliche Ansatz, denn es wurde zunächst nur eine hochrangige englischsprachige Internetzeitschrift „German Medical Science“ vorgesehen, in der alle Fachgesellschaften geeignete Manuskripte publizieren sollten. Diese Spitzenzeitschrift sollte auch einen „Journal Impact Factor“ erhalten. Angebunden an diese Spitzenzeitschrift sollten die nationalen Zeitschriften der Fachgesellschaften eingeordnet werden, was sich so nicht realisieren ließ. Mittlerweile ist „German Medical Science“ ein Internetportal, in der die einzelnen Fachzeitschriften der Mitgliedsgesellschaften publiziert werden, und wir haben zusätzlich eine englischsprachige Spitzenzeitschrift, die demnächst ihren „Journal Impact Factor“ erhalten wird.

Die Idee, eine Internetzeitschrift zu gründen und diese auch mit Leben zu füllen, war angesichts der gegebenen Situation erforderlich und wurde erfolgreich durchgeführt.

Die parallele Einrichtung eines Internetportals für die Hochschulverlage im Projekt „German Academic Publishers“, mit viel Geld von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, hat sich nicht als dauerhafte lebensfähig erwiesen. Die Entwicklung des Portals „German Medical Science“ wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für 2 Jahre gefördert, begann 1993 mit der Publikation und hat sich fest etabliert. „German Medical Science“ und alle zugehörigen Fachzeitschriften der wissenschaftlichen Fachgesellschaften sind "Open Access Zeitschriften". Das bedeutet, dass jeder - ohne eine Gebühr zu entrichten - die Artikel lesen oder herunterladen kann. GMS hat wegen dieses fortschrittlichen Konzeptes und der konsequenten Durchführung den Preis „Ort im Land der Ideen“ erhalten. Dieser wurde im Jahre 2011 in Köln an die GMS-Partner AWMF, DIMDI und ZBMED überreicht (Abbildung 4[Abb. 4]).

Ich könnte die Aktivitäten der AWMF während der Berichtsperiode weiter ausführen. Das erlaubt die Zeit nicht, und ich meine, dass die beiden geschilderten Schwerpunktprojekte das wissenschaftliche und praktische Potential dieses Dachverbandes ausreichend darstellen.

Nicht zu vergessen und ganz wesentlich für den Erfolg der AWMF ist die Leitung der Geschäftsstelle durch Herrn Wolfgang Müller. Herr Vosteen pflegte über seine Amtsperiode mit der üblichen Bescheidenheit auszuführen: “Ich habe für die AWMF nur zwei Dinge getan, die wesentlich sind: 1. Die Suppe in der Pause der Delegiertenversammlung eingeführt und 2. Herrn Müller als Leiter der Geschäftsstelle eingestellt“.

Herr Müller wurde 1985 eingestellt, er war damals Wissenschaftsjournalist, und es gelang uns, ihn für diese Aufgabe zu gewinnen. Sicherlich hat Herr Müller gespürt, dass in diesem Dachverband ein großes Potential liegt für Aktivitäten in der Zukunft. Lassen sie mich, als ältesten Präsidenten und Ehrenpräsidenten, feststellen, dass die AWMF sich ohne die Geschäftsstelle unter der Leitung von Herrn Müller nicht hätte so entwickeln können, wie wir es erreicht haben. Und wir müssen ihm an dieser Stelle für sein Engagement und für den Einsatz seiner Fähigkeiten herzlich danken.

Lassen sie mich zusammenfassen:

Die AWMF hat immer wieder Mängel und auch förderungswürdige Bereiche festgestellt und prompt mit Resolutionen und Stellungnahmen, mit Arbeitskreisen und mit Memoranden reagiert. Sie alle haben an dieser Entwicklung mitgewirkt, und lassen Sie mich feststellen, dass ohne eine derart gesicherte und aktive Basis der wissenschaftlichen Fachgesellschaften die AWMF gescheitert wäre. Somit schauen wir mit Stolz auf 50 Jahre zurück und danken allen die daran mitgewirkt haben.